Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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PRAKTISCHE FRAGEN □ SPRECHSAAL FÜR DIE LESER

Ansätze an den breiten Teilen und die kleinen Lorbeer-
früchte am Kranz sind aufgelötet. Mit welcher minu-
tiösen Sorgfalt gearbeitet wurde, erhellt wohl am
besten daraus, daß annähernd zehntausend einzelne
Stücke angefertigt werden mußten. □
o Allein die Kette ist nicht nur technisch von vollendeter
Meisterschaft. Sie beweist nicht nur, daß Riegel die
Sprache des Materials glänzend beherrscht und den
Feinheiten ihres Tonfalles einen lebendigen Ausdruck
zu verleihen imstande ist. In dem gleichen Maße
wie die Gediegenheit des rein handwerksmäßigen
Könnens befriedigt die künstlerische Qualität. Es be-
stehen sehr wesentliche Unterschiede zwischen einem
Gegenstand, der den rein dekorativen Anforderungen
des Frauenschmuckes zu genügen hat und einem
Werke, das dazu bestimmt ist, die Würde eines Trägers
öffentlicher Amtsgewalt zu betonen. Was dort Ver-
nunft ist, wäre hier Unsinn. Die Komposition eines
Schmuckstückes, das die weichen, fließenden Linien
einer Frauenbüste zu begleiten und ihrem Reiz als
diskrete Folie zu dienen hat, soll vor allem eine
Nahwirkung erzielen und muß infolgedessen zierlich
und leicht beweglich in seinen Gliedern sein, um
dem Rhythmus der Bewegungen des Körpers folgen

zu können. Von einer Amtskette hingegen, bestimmt,
bei Gelegenheit öffentlicher Repräsentation getragen
zu werden, muß, wenn ihr Zweck nicht illusorisch
werden soll und sie den Eindruck des kleinlichen
und spielerischen vermeiden will, eine gewisse Distanz-
wirkung ausgehen. Diese Wesensverschiedenheiten
sind vom Künstler sehr richtig empfunden und ver-
ständnisvoll berücksichtigt worden. Ohne massig zu
sein und ohne eine falsch angebrachte Monumenta-
lität zu erstreben, ist sie der sinnfällige Ausdruck
eines Gedankens, der in dem Oberhaupt einer Stadt
die zentrale Repräsentanz der Gesamtheit ihrer Lebens-
kräfte und Lebensäußerungen sieht. □
□ Die Kette ruht in einem mit leicht cremefarbigem
Sammet ausgeschlagenen Etui aus Schweinsleder,
dessen Deckelschmuck ebenfalls von Riegel entworfen
ist. In der Mitte des Deckels steht, umgeben von
einem Oval aus goldenem Zickzackmuster, ein goldener
Lindenbaum, dessen Stamm die Jahreszahl 1910 trägt.
Die übrige Fläche ist durch gerade Linien in ver-
schiedene Felder geteilt; der abgeschrägte Deckelrand
weist als Verzierung ein gitterartiges Motiv auf, bei
dem die eingeschlossenen rautenförmigen Felder ver-
goldet sind. □

PRAKTISCHE FRAGEN ° SPRECHSAAL FÜR DIE LESER

DIE Schriftleitung des Kunstgewerbeblattes hat sich entschlossen, Anfragen ans dem Leserkreis nicht nur
auf direktem Wege zu beantworten, sondern sie, wenn ein allgemeines Interesse vorliegt, hier der
öffentlichen Beantwortung und Besprechung zu unterstellen. Es wird zu diesem Zwecke im Kunst-
gewerbeblatt eine neue Rubrik »Praktische Fragen« eingerichtet, in der jeder Leser das freie Wort erhält,
wenn er etwa für seine Berufsgenossen oder die Allgemeinheit Wichtiges zu sagen hat. Wie schon aus der
Überschrift dieser Rubrik hervorgeht, soll es sich weniger um ästhetische als um praktische Fragen handeln,
die z. B. zwischen den Künstlern und Ausführenden zu klären sind. Die Leser des Kunstgewerbeblattes
werden hiermit eingeladen, sich zur Schriftleitung über Vorschläge und Anregungen ganz freimütig za äußern;
es wird an den Einsendungen inhaltlich möglichst wenig geändert, während das Streichen und Zusammen-
ziehen einzelner Teile, die in ähnlicher oder gleicher Weise bereits behandelt wurden, Vorbehalten bleiben muß.

□ In dem wirtschaftlichen Organ der bildenden Künstler,
die »Werkstatt der Kunst«, hatte kürzlich der Leiter der
»Münchener Vereinigung für angewandte Kunst«, Freiherr
G. von Pechmann, wichtige Anregungen für ein zweck-
mäßiges Zusammenarbeiten von Künstlern und Aus-
führenden gegeben. Die »Vereinigung für angewandte
Kunst« hat im vorigen Jahre eine Vermittlungsstelle ins
Leben gerufen, die dazu bestimmt ist, gewerblichen Pro-
duzenten geeignete künstlerische Kräfte nachzuweisen. □
□ Freiherr von Pechmann weist nun darauf hin, daß es
für die Fabrikanten nicht genügen könne und dürfe, wenn
ihnen von den Künstlern zeichnerische Entwürfe, die auf
dem Papier gedacht und entstanden sind, geliefert würden.
Dabei komme wenig heraus, weil es nicht angängig und
praktisch sei, daß sich die beiden wichtigsten Arbeits-
faktoren so wenig um einander kümmerten und daß jeder
für sich den Teil seiner Arbeit allein verrichte. Der Re-
ferent war der Meinung, daß die Anfertigung neuer Ent-
würfe oder neuer Modelle überhaupt nicht zum Ausgangs-
punkt der gemeinsamen Arbeit von Künstlern und Fabrikanten
genommen werden sollte. Viel besser wäre es, wenn der

Die Schriftleitung des Kunstgewerbeblattes.
Fabrikant damit anfangen wollte, daß er den sich für seine
Technik interessierenden Künstler mit den bisherigen
Erzeugnissen der Firma bekannt mache; er meint, daß
es sich in sehr vielen Fällen zeigen würde, daß bei
vielen Gegenständen nur Verbesserungen oder Ausscheidungen
nötig seien, um ein ganz gutes Produkt zu erzielen. Zu-
gleich würde dem Künstler Gelegenheit gegeben werden,
sich mit der Technik und den Eigenheiten des Materials
und auch mit den wichtigen wirtschaftlichen Nebendingen
vertraut zu machen. Freiherr von Pechmann hofft also,
die Industriellen davon zu überzeugen, daß ihnen mit Ent-
würfen nicht gedient sei, sondern nur mit einem, unter
vollkommener Berücksichtigung aller technischen Möglich-
keiten ausgeführten Materialmodell. Wünschenswert sei
also, daß die Künstler, die für die Fabrikanten und Kunst-
handwerker arbeiten sollen, einige Zeit praktisch in deren
Betrieb tätig sein dürften. □
n Auf diese Anregung hin sind zahlreiche Zuschriften
eingelaufen, die auch der Schriftleitung des »Kunstgewerbe-
blattes« zur Verfügung gestellt wurden und von denen hier
einige auszugsweise mitgeteilt werden. (Forts, auf s. 36) °
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