Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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ARBEITEN VON FRIEDRICH FELGER IN STUTTGART

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FRIEDRICH FELGER IN STUTTGART
Von Theodor Heuss

DER mannigfaltigen Art der hier abgebildeten Arbeiten
sieht man es an, daß es sich um einen Künstler handelt,
der noch unterwegs ist. Er hat keine deutliche fertige
»Spezialität«, er ist noch bei keiner beruhigten Form
und Sicherheit angekommen, Erinnerungen treten herzu, die sich
in einen eigentümlichen Ausdruck verwandeln. So leitet er aller-
hand Wesen in sich hinein, gleichzeitig aber suchte er sich in tapfe-
rem Selbstvertrauen mit diesen Anregungen auf eigene Gefahr
auseinanderzusetzen und ist bestrebt, in den verschiedensten Pro-
vinzen des Kunstschaffens, in verschiedenerlei Technik und Zweck
heimisch zu werden. □
□ Seine Bucheinbände, Leisten und Zierstücke zeigen eine freund-
liche, etwas lyrische Erfindung. Sie sind mit Freude und Sauber-
keit gezeichnet, ja man möchte von einer gewissen Innigkeit
sprechen, würde dies Wort nicht zu sentimentalen Mißverständ-
nissen verleiten. Man mag den großen Schmiß, die Kraft einer
wuchtigen, selbstsicheren Linie hier vergeblich suchen, und diese
Seele darf dem Beschauer ein wenig verträumt, ein wenig alt-
fränkisch erscheinen. Sie darf es, ohne Schaden zu nehmen in
der freundlichen Beachtung. Denn so, fest in ihren Grenzen,
behauptet Feiger sein schönes Maß an formalem Können, an
liebenswürdiger Erfindung im Ornament, an Geschmack im
Dekor und an technischer Fertigkeit. □
□ Die aufmerksame Betrachtung der Bilder verrät eine fleißige,
zarte Vertrautheit mit der Natur. Insonderheit muß Feiger viele
Blumen, Gräser, Bäume gezeichnet haben. Es glückt ihm, auch
in den Gemälden, die von seiner Hand stammen, etwa bei Wiesen
oder beim Geäste eines Baumes, die Intimität der einzelnen
Formen zu wahren, und doch nie zur Unübersichtlichkeit des
Kleinlichen herabzusinken. Wen wird nicht die zierliche Sauber-
keit und Feinheit der Umrißstudie erfreuen, die hier abgebildet
ist; in dieser scharfen Beobachtung und langsamen, mühevollen
Aneignung der Naturformen liegt auch ein ethischer Wert, ein
Bekenntnis. Hier heißt es nicht: was machen wir mit der un-
geheuren Fülle von Andeutungen und Anregungen, die die Natur
in ihren Lebewesen verschwendet hat, wie »stilisieren« wir all
das? Sondern: zunächst wollen wir sie besitzen, ln seinem
ornamentalen Schaffen zeigt der Künstler dann eine schöne Frei-
heit und Unbefangenheit; wir kennen von ihm vor allem eine
große Anzahl von Buchentwürfen, kräftig in den Farben, schlicht
und doch eindrucksstark in der Zeichnung. n
n Feiger hat einige Jahre in der Silberwarenfabrik von Peter
Bruckmann u. S. in Heilbronn gearbeitet; dort wurde er mit der
Technik der Edelmetallbehandlung vertraut. Er hat manche Ge-
fäße getrieben und Ornamente gepunzt; so weiß er mit den
Grundlagen dieses edlen Handwerks Bescheid. Glücklich und
erfolgreich war er bei diesen Arbeiten in der Verwendung far-
biger Steine; auf der Brüsseler Ausstellung konnte man eine
Dose von ihm sehen, die zu den besten Stücken der reichen
Bruckmannschen Sammlung gehörte. □
□ Der Künstler stammt aus Schwaben; er hat von seinem Stamm
die lyrische Begabung, den aufs innerliche Erfassen gerichteten
Sinn. Aber er dankt ihm auch die Zähigkeit in der Selbstbehaup-
tung. Die Lebensumstände dieses jungen Mannes waren selt-
sam genug. Aus einem groben Handwerk wurde er ins Lehrer-
seminar emporgehoben und stand als Jüngling einige Zeit in
der Schulstube eines schwäbischen Dorfes. Dann sprang er
aus und wurde Ziseleur, fing an zu malen, saß ein Jahr oben
über Florenz, um nichts als Bilder, Landschaften zu malen.
□ Jetzt beginnt er sich in seinem kunstgewerblichen Arbeiten
zu festigen, er will aus der Zeit des Blühens zur Reife und Ernte
gedeihen. Man muß ihm, um seiner treuen Ehrlichkeit willen
und um der offenen Klarheit seiner persönlichen Ausdruckskraft,
wünschen, daß er bald zu einer Aufgabe komme, in der er
ruhig, ohne Sorgen seine Art entwickeln und auswirken kann.
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