Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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ALT-STUTTGART IM KGL KUPFERSTICHKABINETT ZU STUTTGART


ALT-Stuttgart« heißt eine Ausstellung, die zurzeit
im Kgl. Kupferstichkabinett in Stuttgart zu
sehen ist und im wesentlichen auf der schönen
Württemberg-Sammlung fußt, die das Kabinett der
Schenkung des Kommerzienrats Gutekunst verdankt.
Die Ausstellung ist nicht für Romantiker gemacht.
Obgleich sie nur Altes, zum Teil Vergangenes bringt,
soll und kann sie mithelfen im Ringen um eine neue
Kunst und Kultur. Zum Beispiel: wenn einer die
alten Blätter betrachtet, auf denen die Stadt sich zeigt,
noch ruhend im Tal und umgeben von schönen Wein-
bergen, so soll er nicht der entschwundenen Schön-
heit nachtrauern; nein, er soll fragen, ob die Not-
wendigkeit, die unentrinnbare, die Hänge mit Häusern
zu besetzen, und die alte Naturschönheit sich nicht
besser hätten miteinander verbinden lassen, als es mit
diesen endlosen geraden, an ihren Schneidungen das
Gelände förmlich zersplitternden Schrägstraßen ge-
schehen ist, wie man sie an den Abhängen der Stadt
findet. Derartige Erwägungen möchte die Ausstellung
auslösen, kein zweckloses Nachtrauern, sondern das
Einsehen und Bedauern gemachter Fehler und den
Wunsch und Willen zum Besseren. Um Notwendig-
keiten ist nicht herumzukommen, und man darf ihnen
alte Schönheiten getrost opfern, sofern der Wille und
die Kraft zu neuer Schönheit da sind. Auch im Stutt-
gart der alten Tage hat manche Schönheit der Not-
wendigkeit weichen müssen. Was tat’s, da neue Schön-
heiten an die Stelle der alten traten. Diese dem Führer
entnommenen Sätze mögen die Absichten der Aus-
stellung verdeutlichen. Geleitet von diesem Führer,
der mit hübschen Abbildungen versehen ist und für
den billigen Preis von 30 Pfennigen verkauft wird,
gewinnt der Betrachter einen bequemen Überblick
über die Entwicklung Stuttgarts zur Hauptstadt des
württembergischen Landes, zur zweiten Hauptstadt des

südlichen Deutschlands. Die erste Abteilung der Aus-
stellung und das erste Kapitel des Führers sind der
Entwicklung des Gesamtbildes der Stadt gewidmet.
In den nächsten Abteilungen und Kapiteln werden
dann ausführlicher alle jene Schöpfungen geschildert,
die als Hauptetappen auf dem Entwicklungswege
Stuttgarts zur Hauptstadt bezeichnet werden können:
1. Das alte Schloß, seine Nebenbauten und der Lust-
gartenbezirk unter Herzog Christof und seinen Nach-
folgern; 2.Das neue Schloß unter Herzog Karl Eugen;
3. Die Schloßanlagen unter König Friedrich; 4. Die
Cannstatter Bauten König Wilhelms I. und seine Neu-
gestaltung des Stuttgarter Schloßplatzes. Eine Schloß-
abteilung zeigt dann noch die nächsten Ausstellungen
der Hauptstadt, die Schlösser von Ludwigsburg, Soli-
tude und Hohenheim. Zur Kennzeichnung der man-
cherlei Anregungen, die der Ausstellung nach den
Wünschen ihres Veranstalters entnommen werden
wollen, mögen hier die Schlußworte des Führers
wiedergegeben werden: »Wir sind am Ende unserer
Wanderung durch Alt-Stuttgart, haben gesehen, wie
es sich zur Hauptstadt des Landes auch der Form
nach herausgebildet hat, ein ruhmvolles Stück Ent-
wicklung, das mit Freude und Stolz erfüllen mag,
aber doch auch etwas Sorge um die Zukunft erwecken
sollte. Wird dieses ungeheure Anschwellen der Stadt
(am Anfänge des vorigen Jahrhunderts etwa 20000
Einwohner, jetzt bald 300000) die alten Schönheiten
und die Möglichkeiten der neuen nicht am Ende ver-
schwemmen? Man sollte beizeiten Vorsorgen und
als ersten Schritt einen Wettbewerb unter unseren
Künstlern ausschreiben mit dem Thema »Groß-Stutt-
gart«. Ob solche und ähnliche Anregungen Wider-
hall finden werden, das wissen die Götter! Es gibt
Leute, die Stuttgart die Stadt der unbefolgten Anre-
gungen nennen. ERICH WILLRICH.
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