Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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GLASMALEREIEN UND GLASMOSAIKEN


DIE Fensteröffnung ist längst nicht mehr nur die Lichtquelle aus Nützlichkeitsgründen, sondern ihr kommt
bei der Gestaltung des Raumes eine erhebliche ästhetische Bedeutung zu. Die Art, Stärke und An-
ordnung des Lichteinfalls ist ein wichtiges architektonisches Hilfsmittel. □
□ Will man nun diese Lichtquelle farbig machen, so darf man
es nicht tun, ohne ihre Wechselwirkung zum betreffenden Raum
zu überlegen. Man kann den Raum durch das einfallende Licht
entweder nur tönen, und dann ist die Fensterfläche an sich neu-
tral und nur die Farbe wirkt bestimmend mit; oder aber man
beabsichtigt außerdem, die Fensterfläche ornamental oder figür-
lich zu gliedern, und muß dann nicht nur mit der Auswahl
der Farben, sondern auch mit der malerisch-linearen Aufteilung
auf die architektonische Gestaltung des Raumes, den das Fenster
ja mit umschließt, Rücksicht nehmen. In der Raumkunst hat
daher, ebensowenig wie manche ein rücksichtsloses Eigenleben
führenden Staffeleibilder, das Glasfenster eine ganz selbständige
Berechtigung, sondern es hat sich, besonders da es als Licht-
quelle den Blick am meisten auf sich zieht, der räumlichen
Gesamtkomposition einzufügen. □
□ Bei den gotischen Kirchenfenstern z. B., in ihrer gegebenen
Form und Sprossenteilung, war eine Zerstörung der Raumwirkung
durch das Glasfenster seltener und die Schwierigkeit lag mehr
darin, die meist figurale Aufteilung der Fensterfläche so zu ge-
stalten, daß die Bleistreifen, die verschiedenfarbige Glasstücke
verbanden, in geschmackvoller Art den Linien der Zeichnung
folgten, ohne deren Komposition zu zerreißen. Die farbigen
Glasflächen hatten also mehr den linearen Aufbau der karton-
artigen Gemälde zu unterstützen und wurden zu diesem Zwecke
mit Schwarzlot getönt und schattiert. □
n Seitdem die Bestimmung der Glasbilder aber durch ihre An-
wendung bei profanen Wohnräumen erheblich erweitert wurde,
mußte sich auch die Technik und ihre Auswahl dem veränderten
Zwecke anzupassen suchen. Die Glasmosaik-Technik ist eigent-
lich nur bei großen Flächen anwendbar und wirkt bei den ge-
ringen Dimensionen der Wohnhausfenster sehr bald plump und
kleinlich. Eine Ausnahme bilden nur die Fenster der Geschäfts-
räume, bei denen der reklameartige Vorwurf, das Thema des
Glasbildes, eine silhouettenhafte, plakatmäßige Anwendung weni-
ger ruhiger Linien ermöglichen. Ferner kann die Glasmosaik-
Technik geeignet erscheinen, wenn die strenge Raumgestaltung
eine ebenso ruhige, ornamentale Aufteilung der Fensterfläche,
als unterzuordnendes Glied (Ornament), erfordert. Meist wird
man aber den Glasfenstern in Wohnräumen eine mehr selb-
ständige Rolle, wie sie z. B. dem Wandbilde eigen ist, zuge-
stehen, ja, man wird von ihnen nicht mehr das aufteilende Neben-
einander der farbigen Flächen, sondern den Zusammenklang
der Farben verlangen müssen. Eine Notwendigkeit unserer Zeit
war also die Wiederbelebung der die Töne mischenden Glas-
malerei. □
o Die stets vorauseilende Technik vermag solchen Anforde-
rungen bereits in weitem Maße zu genügen. Sie hat sich längst
von der früher zwingenden Notwendigkeit befreit, zwischen ver-
schiedene Farben jedesmal Bleistreifen setzen zu müssen, so daß
der farbige Teil der Arbeit nicht mehr zwangsläufig vom line-
aren Teil abhängig ist. Kann auch die Glasmalerei zurzeit
noch wegen gewisser Vorgänge beim Brennprozeß nur kleine
Flächen behandeln, so ist ihr doch mit dem Atzverfahren schon
ein schönes Mittel gegeben, farbige Flächen zu tönen, die früher
an die Bleistreifen gebundenen Linien der Komposition auf die
Fläche aufzutragen, aus mehrfach Überfangenen Glasstücken
einzelne Farbtöne herauszuätzen, sie aufzulösen, zu decken oder
zu ersetzen. Immer aber wächst die Technik aus dem Material.

Außust Unger-Berlin, Glasfenster
Ausgeführt von Gottfr. Heinersdorff-Berlin
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