Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU

oy

1711 das echte Porzellan in Dresden erfunden war, über-
nahm dieses die führende Rolle in der Kunsttöpferei; erst
in dem zarteren und geschmeidigeren Material des Por-
zellans konnte der Geist des 18. Jahrhunderts vollkommen
in Kunstform eingehen, eine Form, die die plumpere Fay-
ence stets vergeblich sich anzueignen suchte. — ln der
Diskussion, an der sich die Herren Stadtrat Jahn, von
Heide und Dr. Moeries beteiligten, wurden die technischen
Unterschiede von Fayence, Steinzeug, Porzellan, Steingut
und moderner Kunsttöpferei erörtert. s-
□ Magdeburg. Nach langem Harren ist als Nachfolger
Prof. Thormählens an der Kunstgewerbeschule Rudolf
Bosselt aus Düsseldorf gewählt worden. Der neue Di-
rektor bringt alles mit, was ihn zu seinem Amt als be-
sonders befähigt erscheinen läßt, und wir begrüßen die
Wahl als eine ganz besonders glückliche und von den
Lehrern der Schule wie von den Kunstfreunden Magde-
burgs herbeigewünschte. Für die Schule bedeutet Bosselt
eine glänzende organisatorische Kraft: dafür zeugt sein
Wirken in Düsseldorf, wo er P. Behrens’ rechte Hand
gewesen ist und wo ihm vor allem die ganz ausgezeich-
nete Schulausstellung zu verdanken ist, durch welche sich
Düsseldorf heuer vor anderen Schulen hervortat. Fast
noch größere Hoffnungen aber setzt man auf ihn als
Künstler, der das etwas eingeschlafene Kunstleben Magde-
burgs beleben kann. Es fehlte hier in leitender Stellung
eine Künstlerpersönlichkeit von Ruf, welche die zerstreuten
Kräfte sammelt und dem Kunstgewerbe wieder frisches
Leben zuführt. S.
n Magdeburg. Die Gartenstadt Hopfengarten. Die Be-
mühungen der Gartenstadtgesellschaft sind in Magdeburg
auf fruchtbaren Boden gefallen. Die von ihr gegründete
Gartenstadt Hopfengarten ist als eine der frühesten Sied-
lungen dieser Art in Deutschland zu betrachten und trägt
die Keime hoffnungsvollster Entwicklung in sich. Im Süden
der Stadt, an der Leipziger Chaussee gelegen, auf einer
Anhöhe der fruchtbaren Bürde, hat sie freie Luft und Aus-
blick nach allen Seiten; das Land ist der fruchtbarste
Gartenboden. So hat sich schon in diesem Sommer das
erste Viertel des angekauften Terrains mit 70 Kleinhäusern
inmitten von Gärten bedeckt — Gärten, die freilich auf
Ackerboden eben erst angelegt sind — und bietet einen
ganz ungewohnten Anblick großstädtischer Wohnweise dar,
dessen ganz moderne Organisation unendlich beglückend
und hoffnungsvoll berührt. So, in Einfamilienhäusern, in
eigenen Gärten, wird man künftig auch in der Großstadt
wohnen und nicht mehr begreifen, wie man es in Miets-
kasernen hat aushalten können; so, nach gesunden, zu-
gleich sächlichen und künstlerischen Prinzipien vorgelegt,
werden unsere Straßen in Zukunft ausschauen und so ein-
fach und anheimelnd, ohne Stilprätensionen, ohne auf-
geklebte »Dekorationskunst«, unsere Wohnhäuser. n
□ Das Terrain der Gartenstadt ist im allgemeinen ge-
schlossen gehalten; die beiden Zugänge von Norden führen
in breiteren mit Doppelreihen von Bäumen besetzten Ver-
kehrsstraßen auf den Marktplatz, während die übrigen als
Wohnstraßen schmal und ruhig gehalten sind. Die Straßen-
führung richtet sich vor allem nach den Grundstücken,
denen sie gute Zuschneidung und sonnige Lage allerseits
gewährleistet; erst in zweiter Linie kommt die Rücksicht
auf das — wenig bewegte — Terrain und geschlossene
Straßenbilder. Ein sachlich denkender Geist hat hier bei
aller Rücksicht auf die Praxis doch die reizvollsten Bilder
geschaffen; es zeigt sich, daß Sachlichkeit und Schönheit
wie im Kunstgewerbe, sich auch beim Städtebau decken
können. Versetzungen, leichte Krümmungen, Gruppie-

rungen von Häusern, verschiedenartiges Zurücktreten der
Fluchten in die Gärten usw. bilden die Elemente der
Komposition. Als Begrenzung der Grundstücke an der
Straße sind in nachahmenswerter Weise nur Mauern und
Holzzäune zugelassen. So ergibt sich ein mannigfaltiges
und lustiges Bild, so ergeben sich geschlossene Raumein-
drücke in den Straßen. Die Häuser entsprechen diesem
Prinzip; sie sind schlicht, wohnlich, ohne »Stilmerkmale«
gehalten, ähnlich dem englischen Landhaus, vor allem auf
Wohnlichkeit bedacht. Ihre Wände in hellen Farben neh-
men Rücksicht auf das künftige Gartengrün und auf die
freundlichen roten Dächer. Der Entwurf des Ganzen
stammt von Architekt Amelung-, die Häuser ebenfalls meist
von ihm. Auch Tessenow hat gebaut. p. f. S.
NEUE BÜCHER
Das farbige Malerbuch. Neue Folge. Unter Mitwirkung
von Fachgenossen herausgegeben von H. Göhler, Lehrer
an der Großh. Kunstgewerbeschule Karlsruhe. Erste
bis dritte Lieferung. Tafel 1—24. E. A. Seemann, Leipzig.
Die Lieferung 3 Mark. □
□ Mit Vergnügen erinnern wir uns noch des vorzüglichen
ersten Teiles des von Professor Eyth herausgegebenen
»Farbigen Malerbuches«, das vor zehn Jahren bei Seemann
erschien; dieses war die Ergänzung des von Eyth und
Sales Meyer herausgegebenen gleichnamigen Werkes, das
in seinem textlichen Teile allein schon viel Gutes schuf
und heute noch eine Fundgrube durch alle möglichen,
praktischen Winke für den ausübenden Maler vorstellt
Der Reichtum an Motiven, der in den beiden farbigen
Malerbüchern vorliegt (es sind jetzt schon weit über hun-
dert Blätter, alle in schönster Ausführung), ist aber nicht
nur eine für den Fachmann berechnete wertvolle Sache,
sondern für jeden mit der dekorativen Kunst irgendwie in
Berührung kommenden Künstler oder Kunstfreund eine
unerschöpfliche Quelle für neue Gedankengänge. Es strömt
fast wie ein Zauber von diesem Werke aus. □
□ Professor Göhler sagt — gewissermaßen im Namen
der mitarbeitenden Künstler — als Herausgeber, daß in
erster Linie bei der Anlage des Werkes der praktische
Gedanke maßgebend war, dem Dekorationsmaler eine Fülle
von Anregungen in der Ausführung seines Berufes zu
geben durch eine klare und sachliche Darstellung. Die
Verfasser legen auf diese Auffassung besonders Wert,
damit das Werk nicht im Sinne eines gewöhnlichen Vor-
lagenwerkes verwendet werde. °
□ In allen drei Heften, die uns vorliegen, sind in bunter
Abwechslung untereinander fast gleichwertig schöne Blätter
zu finden, die antikisierende und mittelalterlicffangehauchte
Motive, biedermeierische und ganz moderne, schablonierte,
sowie eines von naturalistisch gehaltener Phantastik zeigen,
a Wohn- und Schlafräume, Speisezimmer, Baderäume,
Hallen, Restaurants und sogar Kegelbahn, alles findet Be-
rücksichtigung. Vieles ist von einer im besten Sinne großen
Einfachheit und Auserlesenheit der Motivwahl, und selbst
das ein wenig Exzentrische zeugt von tiefer Kenntnis der
alten Stile. Mitarbeiter waren außer dem Herausgeber
Professor Göhler noch die bekannten Künstler Eyth, Kal-
hammer, Walter, Heilig, Zovetti, Lang und Kalmsteiner.
□ Das dritte Heft ist wohl das schönste der bisher er-
schienenen Lieferungen; es ist die Erfüllung dessen, was
schon die ersten ohne jede Prätension versprachen. Da
ist gleich die Tafel 17 mit zwei Zimmerentwürfen in Schab-
lonentechnik von Hans Kalmsteiner, stark modern: »Wiener
Werkstätte«; im Friese und in den Tür- und Fensterbor-
düren mit geschmackvollen mittelalterlichen Einschlägen.
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