Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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DIE STUTTGARTER GLASPERLENAUSSTELLUNG

Von Konrad Lange, Tübingen



Dame mit reichem Perlenschmuck. Zweite Hälfte des 16. Jahrh.
München, Bayerisches Nationalmuseum

MIT der Ausstellung alter und neuer Glasperlen, die
am 13. November d. J. in der König-Karls-Halle
des Königl. Landesgewerbemuseums zu Stutt-
gart eröffnet worden ist, setzt die Zentralstelle
für Handel und Gewerbe ihre erfolgreichen Bemühungen,
der heimischen Kunst und Industrie neue Anregungen zu
geben, in dankenswerterweise fort. Es ist eine der popu-
lärsten und meistbesuchten Ausstellungen, die wir seit Be-
ginn der Verwaltung Pazaureks erlebt haben. Schade, daß
die König-Karls-Halle, ein wahres Gegenbeispiel dekora-
tiver Kunst, so gar nicht geeignet ist, Ausstellungen zur
Geltung zu bringen! □
q Die Vorarbeiten waren diesmal besonders schwierig,
und wir wollen nur hoffen, daß der rührige Vorstand,
dessen Spezialgebiet bekanntlich die Glasarbeit ist, uns auf
Grund des umfangreichen hier zusammengebrachten Mate-
rials auch das wissenschaftliche Werk über Glasperlen be-
schert, das wir noch immer vermissen. Dank seiner Sach-
kenntnis und seinen zahlreichen Verbindungen hat er uns
Perlenarbeiten der verschiedensten Zeiten vorgeführt, wie
sie in dieser Vollständigkeit wohl noch niemals in einer
Ausstellung vereinigt waren. Ist es doch die erste Aus-
stellung, die sich ganz auf dieses Gebiet beschränkt. □
□ Die Absicht der Verwaltung ging dahin, die ganze
Perlenindustrie von den drei Seiten der Geschichte, Tech-
nik und Ästhetik zu beleuchten. Dabei hat man sich in
Bezug auf Altertum und Mittelalter mit Stichproben be-
gnügt, dagegen für das 18. und 19. Jahrhundert eine ge-
wisse Vollständigkeit angestrebt. Der Schwerpunkt liegt aber
durchaus auf der Gegenwart, daß heißt auf den seit einigen
Jahren gemachten Versuchen einer Wiederbelebung dieser
Kunst, die noch nicht das nötige Entgegenkommen beim
Publikum finden. Die Arbeiten der Biedermeierzeit und
die Schöpfungen jetzt lebender Künstlerinnen bilden die
eigentliche Stärke der Ausstellung. □
□ Ein Dreifaches schwebte Pazaurek dabei als Aufgabe vor:
Er wollte erstens dieser längere Zeit sehr vernachlässigten
und auch jetzt noch nicht wieder zu voller Anerkennung
durchgedrungenen Schmucktechnik neue Impulse verleihen.
Zweitens wollte er die Damen, die sich derselben gegen-
wärtig widmen, von der in vollster Blüte stehenden Bieder-
meierei, das heißt von der Nachahmung der Muster aus
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts abbringen. Drittens
wollte er ihnen durch einen Überblick über das ganze Ge-
biet die technischen und ästhetischen Gesichtspunkte an
die Hand geben, die zu einer gesunden Weiterentwicklung
der Technik im modernen Sinne nötig sind. n
□ Da Württemberg keine eigene Schmuckglasfabrikation
hat, ist die Ausstellung weniger von lokalem als von all-
gemeinem Interesse. Immerhin sollte die einheimische
Damenwelt die Gelegenheit nicht versäumen, sich einen
Überblick über die technischen und künstlerischen Mög-
lichkeiten zu verschaffen, die hier einer weiteren Ausbildung
harren. Ein kleiner Bandwebestuhl ist leicht angeschafft,
und wenn unsere Dilettanten nur die Übertreibungen in der Feinheit der Arbeit vermeiden und ihre gesunden Augen schonen
wollten, würde ihnen wohl auch nicht passieren, was einer Bekannten von mir begegnete, die ihrem Bruder, einem Augen-
arzt, ein perlengesticktes Kopfkissen zum Geburtstag schenkte, es aber von diesem aufgetrennt wieder zurückerhielt.
□ Der pädagogische Zweck der Ausstellung macht verständlich, daß man sich ganz auf die Glasperle beschränkt
hat. Die echte Perle ist nur in wenigen Beispielen vertreten, unter denen das schönste eine Perlenkrone oder
besser eine ganz mit Perlen (und Goldschmuck) überzogene Frauenhaube aus dem 16. Jahrhundert ist, die vor einigen
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Perlenkrone aus der Renaissance. Halle a. S., Stadt. Museum

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