Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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DÄNISCHES KUNSTGEWERBE UND BAUKUNST
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ENTWURF VON J. P. V. KLINT AUSFÜHRUNG VON JACOB PETERSEN

□ Dagegen ist die Tatsache nicht zu leugnen: Wir be-
sitzen heute schon ein neues Kunstgewerbe. Das Beste
der Bewegung aber, ihr Fruchtbarstes, liegt vielleicht darin,
daß wir heute mit festen Forderungen und Maßen, mit
sicherem Geschmack an Fremdes herantreten können. □
□ Suchen wir in Frankreich einen dem unseren gleichen
Komplex von Tätigkeit und Gedanken und seine Ergeb-
nisse, so werden wir erstaunt sein, wie wenig es über-
haupt davon gibt. Eine moderne Bewegung in unserem
Sinne existiert dort nicht. Selbst Nancy kommt vergleichs-
weise nicht in Betracht. Modernes Kunstgewerbe führt
hier ein kümmerliches Dasein. Es wird von keinem En-
thusiasmus geboren und von keiner echten Freude begrüßt.
Kein Bedürfnis danach ist zu spüren. Alle Voraussetzungen
für eine gesunde Frucht fehlen. Das Kind mußte tot zur
Welt kommen. □
□ Es gibt zwei oder drei kunstgewerbliche Zeitschriften,
jeder »Salon« hat so nebenbei einen modern eingerichteten
Raum und einige Vitrinen mit Schmuck, Bucheinbänden
und Handarbeiten wie Stickereien, Batik usw. Das Musee
des Arts decoratifs besitzt einen ständigen Ausstellungs-
raum, »modern« ausgslattet, und einige Kollektionen sehr
schöner Poterien. Auch auf den Straßen gibt es Anzeichen
des »neuen Stils«. So sind die Zugänge zum Metropolitain
häufig von Eisengittern umgeben und auf »modern« ge-
wundenen eisernen Blütenstengeln wiegen sich elektrische
Lampen. Selbst zu einer Ausstellung ist es kürzlich ge-
kommen und im Anschluß an diese zu einer retrospektiven.
Es gibt in Stuttgart ein Museum für Geschmacksverirrungen,

für diese Sammlung wären hier zahlreiche Erwerbungen
zu machen gewesen. □
□ Überblicken wir die ganze Produktion, so fällt uns eins
gleich auf: die Tüchtigkeit in der Bearbeitung jedweden
Materials, die rein handwerklichen Fähigkeiten. Gleich-
zeitig und ebenso stark aber der Mangel an Verständnis für
den Organismus des Raumes wie des einzelnen Stückes.
Bei der Form des Ganzen fängt die Willkürlichkeit an und
geht durch bis zum kleinsten Ornament und Metallbeschlag.
Nirgends lassen sich große Gesichtspunkte entdecken, die
von durchgehender und allgemeiner Bedeutung wären.
Eines bedingt nicht das Andere, es könnte alles ebenso
gut anders sein. Rokoko, Boule, Empireerinnerungen von
»modern« geschwungenen Linien überwuchert. Für die
Stimmung des Raumes sorgen Vorhänge, Tapeten und es
ist nicht zu leugnen, daß hier auf eine gewisse Harmonie
hingearbeitet wird. Bei näherem Zuschauen muß man an
Wartesaal- und Salonwagendekor denken. o
□ Immer schreit einem zu mindest ein naturalistisches
Schnitzornament oder eine farbige Lederpressung entgegen.
Rosenguirlanden, Efeustöcke, Mistelzweige sind direkt aus
der Natur herübergenommen und in Holz oder Messing
den Dingen unvermittelt aufgesetzt. Vor 15 Jahren hat es
ähnliches in Deutschland gegeben. Aber dort war es
Stufe, hier tritt es mit den Ansprüchen des Fertigen auf,
weil die Bewegung fehlt, die es in die Mitte nehmen und
mit sich fortreißen könnte. n
n Auch über die Kleinkunst ist wenig Erfreuliches zu
sagen. Arbeiten in Gold, Silber, Horn, Leder, Tuch, auch

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