Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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DÄNISCHES KUNSTGEWERBE UND BAUKUNST

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Terenz und Plautus erhaltenen Komödien oder die
uns nur fragmentarisch bekannten Menanderstücke
gespielt wurden, auch vielleicht — diese Möglichkeit
dürfen wir nicht ausschließen — auf einer wenig tiefen
Bühne — auf einer solchen Bühne wurde die oben
erwähnte Alkestis in England gespielt — die Handlung
vor sich ging, so schloß ihr Hintergrund an und für
sich schon eine Reliefwirkung aus; denn der Hinter-
grund war mit Ganz- und Halbsäulen, Pilastern und
Türen mit reichem Schmuck dekoriert. Wenn auf einer
solchen Eventualbühne des vierten Jahrhunderts wirk-
lich gespielt wurde und darauf eine Reliefwirkung
hätte erzielt werden sollen, hätte sich der Schauspieler
stets eine plastisch nicht geschmückte Stelle des Hinter-
grundes aussuchen müssen, um davor stehend oder
sich davor bewegend die Reliefwirkung zu erzielen.
Man sehe nur die Dekorationen des pompejanischen
dritten und vierten Stiles an, die Puchstein als von
der Bühnenarchilektur Spätgriechenlands beeinflußt
nachgewiesen hat, oder man betrachte die sogenannten
Sidaniara-Sarkophage, in denen Strzygowski eine
Nachwirkung der Bühnenarchitektur erblickt hat (Journal
of Hellenic Studies, 1907)! Um hier mit den Reliefs
des Sarkophags Reliefwirkung zu erzielen, ist die dar-
gestellte Person mit der größten Vorsicht immer
zwischen Säulen oder Portalumrahmungen hinein-
gestellt. Hat der leidenschaftliche griechische Schau-
spieler während des Spieles überhaupt imstande sein
können, sich unter der Architektur des Spielhinter-
grundes eine solche flache Stelle auszusuchen, von
der er Reliefwirkung erzielen konnte? Denn dar-
über werden wir doch wohl einig sein, daß Relief-
wirkung einen möglichst glatten, nicht mit plasti-
schen Säulen, Pilastern, Vorsprüngen geschmückten
Hintergrund bedingt. □
□ Nun hat man auch früher die Ansicht vertreten,
daß die Bewegungen des antiken Schauspielers in-
folge des Kothurns, des hohen Stelzenschuhes, be-
sonders gravitätisch und ruhig »statuarisch« gewesen
sein mußten, was natürlich zur Erlangung einer Relief-
wirkung beigetragen hätte, falls diese nicht durch den
Hintergrund überhaupt ausgeschlossen war. Aber
nach den interessanten Untersuchungen des ameri-
kanischen Archäologen Kendall Smith (Harvard studies
in classical Philology XVI) und von Alfred Körte (»Der
Kothurn im fünften Jahrhundert«, Baseler Festschrift
zur Philologenversammlung 1907) können wir mit
Gewißheit behaupten, daß es im fünften Jahrhundert
den Kothurn und die dadurch bedingte Erhöhung
des Schauspielers nicht gegeben hat. Der hohe Schuh
ist wohl erst in der spätalexandrinischen Zeit zur Verwen-
dung gekommen. Wenn nun der Schauspieler des Aeschy-
lus, Sophokles und Euripides infolge einer normalen Fuß-
bekleidung nicht gehindert war, auf seinem Spielplatz in
der großen Orchestra oder ihrem für die Schauspieler ab-
gegrenzten Teile heftige Bewegungen zu machen und so
frei hin- und herzulaufen, wie unsere modernen Schau-
spieler es tun, so ist eine Reliefwirkung, für die wir ruhige
und gemessene Bewegung als Vorbedingung ansehen, un-
möglich gemacht. °
□ Reliefwirkung ist gut: aber man möge sich dafür nicht
auf die griechische »Bühne« berufen, die vielleicht nie in
unserem Sinne bestanden hat. o

Aus: »Die ästhetische Betrachtung lind die bildende Kunst«
von Theodor Lipps.
d » . . . Dennoch besteht die natürliche Forderung der
Flächenhoftigkeit für alle dekorative Malerei. Aber
diese Forderung hat einen anderen Sinn und einen anderen
Rechtsgrund. Dekorativ sind die klaren Linien und die
Farben, und undekorativ ist die zerfließe’, de Linie, der
Übergang von Licht in Schatten, das Auslöschen der Farbe
durch die Modellierung. Undekorativ ist die Luft, die
Atmosphäre, die Ferne; undekorativ ist die Landschaft,
sofern sie durch Luft, Atmosphäre, Ferne und Unbestimmt-
heit der Form und Farbe, durch das Ersterben derselben für
das Auge, wirkt. Darum ist nicht die Flächenhaftig-
keit an sich, wohl aber eine solche Nähe gefordert, welche
für die klare Bestimmtheit der Formen und Farben die
Voraussetzung bildet.«
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