Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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TÜREN D VON ALICE FLECHTNER-LOBACH

kann. Der Hauptschmuck dieser Türen und gleich-
zeitig ihr Schutz waren die geschmiedeten Bänder,
die zur Zeit der Gotik in wundervoller Ausführung
sich über die Türen legten, und in ihren fein ausge-
schmiedeten Zungen Rollen und Blüten mit der spitzen-
artig fein ausgeschnittenen Unterlage der Klopfringe
und Schlösser wetteiferten. □
□ Erst im Beginn des 15. Jahrhunderts begann dann
die Kunst der Holzschnitzer sich immer mehr dem
Hause in allen seinen Einzelheiten zuzuwenden, und
nicht zum wenigsten erfuhr die Konstruktion der
Türen dadurch manche Veränderung. Zwar blieben
die Flächen aus praktischen Grün-
den auch jetzt noch frei von
Schnitzerei, der Schmiedekunst
überlassen, dafür aber zeigten die
Umrahmungen und Bekrönungen
derTüren reichgeschnitzteFormen,
die mit der weiteren Entwickelung
immer reicher wurden, wie auch
feiner in der Ausführung. □
□ Zu welch’ einer überreichen
Fülle der Formen und Ornamente
sich diese Kunst in der spätgoti-
schen Epoche entwickelte, zeigt
die Tür des Schlosses Tratzberg
in Tirol. n
o Naturgemäß waren es vor allem
die Zimmertüren, denen sich diese
Kunst zuwandte und die geradezu
eine dominierende Stelle in der
Ausschmückung des Raumes er-
langten, als mit der neuen Kunst-
bewegung der Renaissance der
klassische Säulenbau Italiens auch
in das deutsche Haus drang. Ge-
rade aus dem Beginn des 16. Jahr-
hunderts, als die schlichte Kontur
der Säulen noch nicht durch eine
sinnverwirrende Fülle von Einzel-
ornamenten überwuchert war, sind
wundervolle Türen erhalten. □
□ Als Unterbrechung der fort-
laufenden Wandtäfelung gedacht,
vervollkommneten sie durch ihre
Höhe den Eindruck derselben. Die künstlerische
Vollendung, mit der bei ihnen die Motive der Täfelung
wiederholt und bereichert wurden, gaben ihnen zu-
sammen mit dem vorspringenden Säulenvorbau das
Gepräge als Hauptstück des Zimmers. o
□ Mehr und mehr drängte das Schnitzwerk jetzt auch
auf die Flächen der Türen, die im Rahmenwerk ge-
arbeitet, auf ihren schmalen Innenflächen den Beschlägen
nicht mehr genügend Raum gaben. □
□ Immer aber ließ man die eigentliche Berührungs-
fläche frei, wählte sie nur in schöner Maserung, bis
die Kunst der Intarsia auch diesem Teil der Tür zu
seinem Schmuck verhalf. □
n Die mühsame und unendlich schwierige Technik
der Holzeinlegearbeit wurde bald ein beliebter Schmuck
solch glatter Flächen, und es ist erstaunlich, mit welch’

minutiöser Ausführung diese vielfach verschlungenen
und in sich verzierten Ornamente der Renaissance
von den Kunsthandwerkern auf das Holz übertragen
wurden. □
□ Wohl eine der schönsten dieser Türen, in der die
Kunst der Schnitzerei wie der Intarsia sich gleicher-
weise vollendet zeigt, ist die Tür der Kriegsstube im
Lübecker Rathause, die auch durch die vornehme Ruhe
ihrer Komposition besonders wertvoll ist. □
□ Aber auch das damalige Patrizierhaus hatte solche
Türen. Die Fertigkeit der Handwerker war ebenso
groß, wie der gute Geschmack und solide Reichtum
der Besteller. Manch herrliches
Stück, das den Greueln späterer
Zeiten entgangen ist, schmückt
unsere Museen und zeigt uns
die reiche, lebensvolle Formen-
welt dieser Zeit, deren Erzeugnisse
Jahrhunderte überdauerten. □
□ Das meiste davon aber ist
verschwunden, wie so viele herr-
liche Werke dieser Zeit, verwüstet
und vernichtet in kriegerischen
Zeiten und durch Unverstand
und Unwissenheit der Nachwelt.
Und was nach ihnen Neues kam,
konnte sich nicht mehr mit diesen
alten Kunstwerken messen. □
□ Nur zu schnell war in dem
Jahrhundert des großen Krieges
mit dem soliden Wohlstand auch
Kunst und Kunstfertigkeit im
deutschen Lande hinabgesunken.
□ Das Bürgerhaus des 18. Jahr-
hunderts kannte keine geschnitzten
Haus- und Zimmertüren mehr.
□ Aus dem festgefügten, soliden
Patrizierhause war das beschei-
dene Heim eines mäßig begüterten
Bürgers geworden, der mit dem
neuen Jahrhundert auch neue
Geschmacksrichtung und andere
Lebensweise angenommen hatte,
a Schlichte, weiße Türen im
Innern, einfache Bogentüren mit
Oberlicht am Hause bekundeten schon nach außen die
veränderte Richtung. Man wollte viel Licht in das
Haus bringen, das Glas begann eine große Rolle
zu spielen, auch an den Türen, deren Scheiben man
dann mit lichten Mullvorhängen verhing. □
□ So schlicht diese Türen in ihren Konturen waren,
unkünstlerisch wirkten sie nicht. n
□ Das leicht im Bogen geschlungene Ornament, das
sich mit der Zeit den Linien des Rokoko folgend
immer mehr verengte, paßte gut als Umrahmung der
vielen kleinen und größeren Glasfelder der Zimmer-
türen, und schmiegte sich auch gefügig in die Um-
rahmung der Haustür. Vereinzelt schmückten gut
geschnitzte Rosenranken oder Muschelornamente die
Holzfläche der Haustür, oben ragte die in ebenfalls
geschwungenen Konturen gehaltene Laterne hervor,
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