Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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SCHAUFENSTER UND SCHAUFENSTERDEKORATEURE

Von Paul Westheim

DAS Schaufenster ist eine Angelegenheit des guten
Geschmackes geworden. Dagegen wenden sich —
seltsamerweise — die Schaufensterdekorateure.
Eigentlich sollten sie sich ja freuen, daß intelligente
Kaufleute, Künstler, Schriftsteller und das gebildete Publi-
kum Anteil an ihren Arbeiten nehmen, sie sollten stolz
darauf sein, daß die Öffentlichkeit Interesse hat für ihre
Ladenauslagen; aber sie wettern in Protestreden und Pro-
testaufsätzen gegen jede unzünftige Betrachtung ihrer De-
koriererei — als ob das Schaufenster eine Falschmünzer-
werkstatt wäre, in die kein unberufenes
Auge hineinblicken darf. Mit einem
Wort: sie wollen ihre Ruhe haben.
Früher konnten sie ihre Auslagen voll-
stopfen, wie’s ihnen gerade in den
Sinn kam; sie hatten ein paar Griffe
und Kniffe, sie leisteten sich auch
ab und zu einmal einen schlechten
Feuilletonscherz aus Kattun, Konser-
venbüchsen , Taschentüchern oder
Seifenstücken. Und nun kommt plötz-
lich als Folge dieses allgemeineren
Interesses, dieser Schaufensterwett-
bewerbe und sonstigen Veranstaltun-
gen diese »neue Richtung«, die an
sie Forderungen der Qualität und des
guten Geschmackes stellt. □
□ Das Herrichten der Ladenfenster
droht etwas weniger gemütlich zu
werden. Die Sache hat auch ihre wirt-
schaftliche Seite. Die Herren Chefs
könnten eines Tages einsehen, daß
das kaufende Publikum der geschmack-
lichen Repräsentation schon einen
ganz erheblichen Wert beimißt, daß
andere, bessere, vornehmer aufge-
machte Fenster eine größere Anzie-
hungskraft ausüben: deshalb — so
würden Menschen mit weitem Hori-
zont schließen — müßten die Dekora-
teure alles daran setzen, um ihr hand-
werkliches Können um diese künst-
lerischen Imponderabilien zu erweitern,
ln Wirklichkeit tun sie das Gegenteil;
sie stemmen sich mit aller Macht
gegen den Fortschritt in ihrem Ge-
werbe. Sie wiederholen ein Schau-
spiel, das wir im Kunstgewerbe schon
so oft miterleben mußten und das
noch immer endete mit dem Sieg des
Qualitätsgedankens. n

vollen Kompositionen, ohne die noch vor wenigen Jahren
ein richtig gehendes Schaufenster nicht zu denken war.
Ein Zuckerhut darf beileibe nicht aussehen wie ein Zucker-
hut. Er kriegt ein paar Bindfäden um den Leib und wird
aufgehängt als Parsevalballon. Was ist ein Badeschwamm?
Mag er noch so schön und appetitlich aussehen, stilvoll
wird er erst, wenn er zu einem Nickelmann oder sonst
einer Mißgestalt zerstückelt wurde. In Leipzig sah ich
neulich aus den Schubladen einer Vitrine seidene Unter-
röcke quillen und kostbare Jupons waren aufgehängt, als

Handwerkerschule Bielefeld: Skizzierübung (Neustädter Kirche in Bielefeld). Bauhandwerker-
klasse: Lehrer Regierungsbaumeister Woernle, Schüler Maurergehilfe A. Stockmeyer

□ □ □
□ Das »stilvolle Fenster« war das
Ideal jener Dekorateure, die nun um-
lernen sollen. Als »stilvoll« bezeich-
nen sie eine Tapeziererei, die jeder
rechte Tapezierer verlachen würde.
Rosetten, widernatürliche Falten, ver-
knautschte, verdrehte, verdrückte und
vernagelte Stoffe, Kriegsschiffe, gedreht
aus Servietten und Hemdtüchern, mau-
rische Bogen aus Schweißblättern oder
Taschentüchern, Architekturen aus
Zwirnrollen oder Blechtöpfen, die
Köchin aus Emailgeschirr, das sind
so ein paar von den beliebtesten stil-

Handwerkerschule Bielefeld : Einfaches Landhaus. Bauhandwerkerklasse:
Lehrer Regierungsbaumeister Woernle, Schüler Maurergehilfe Nierste

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