Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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TAPETEN UND BEMALTE WOHNRÄUME IN HAMBURG


Aus der Ausstellung bemalter Wohnräume, Hamburg. Eßzimmer eines Sommerhauses. Malerei: Otto Schmarje, Ausstattung: L. Piglhein

DIE »AUSSTELLUNG BEMALTER WOHNRÄUME« UND DIE
»TAPETENAUSSTELLUNG« IN HAMBURG
Von Hugo Hillig

ZU den Gewerben, die durch die moderne Stilentwick-
lung vomSchauplatzderkunstgewerblichenProduktion
nahezu verdrängt wurden, gehört auch das Maler-
gewerbe. Es ist sehr interessant, den Ursachen
dieser Erscheinung nachzuspüren; man findet dann, daß
das Argument, der Geschmack habe sich gewendet, durch-
aus nicht hinreicht, um eine befriedigende Erklärung zu
finden. Wenn es nur eine Geschmacksänderung gewesen
wäre, die das Malergewerbe auf die Seite gedrückt hätte,
so wäre das nicht mehr gewesen, als es zur Disposition
zu stellen, denn die leichte Ware der Geschmacksimponde-
rabilien kann ja von jedem Hauche des Zufalls wieder an
den alten Ort geweht werden. Siehe die Mode! □
n Die Mode wurzelt vielleicht trotz ihrer anscheinenden
Willkür und Planlosigkeit in allgemeinen Zuständen, auch
in ihren Einzelheiten, und nur die Beziehungen zwischen
diesen Einzelheiten und den Modeerscheinungen sind zu
undeutlich, zu verworren, von zu vielen fremden Spuren
durchkreuzt, als daß wir sie in allen Fällen aufdecken
könnten. Hier aber beim Malergewerbe und, seiner Krise
der letzten Jahre, — die in seiner Geschichte nicht die erste
ist — sind diese Beziehungen grobdrähtig genug, um sie
deutlich erkennen zu können. Weil das vor allen Dingen

notwendig ist für die rechte Beurteilung einer Ausstellung
bemalter Wohnräume und auch für eine Tapetenausstellung,
so möge voraufgeschickt werden, wie es so kommen konnte.
□ Der Luxus unserer Zeit ist ein ganz anderer als der
Luxus der Gründerperiode. Die Gründerperiode, die mit
schnell in ein armes Land gekommenen reichen Mitteln
recht Vieles aus dem Boden stampfen wollte, begnügte
sich mit luxuriöser'Oberfläche. Die Fassade, das Vestibül,
dann das Treppenhaus, in der Wohnung der Salon und
was sonst noch ein mehr oder wenig fremden Augen offen
stand, das zeigte Pracht im Sinne einer künstlerisch ganz
unklaren Zeit. Damit hängt es auch zusammen, daß an
dieser Pracht wenig echt und wesensgerecht war. Man
konnte gotische Holzdecken ja schließlich auch aus Gips
machen und Rokokoornamente nach Belieben aus Papier-
stuck anheften, man konnte die Ledertapete aus Papier
herstellen und die Föhrenholztüren brauchten durchaus
nicht aus Eichenholz zu sein, die Wand aus Mörtel und
nicht aus Marmor, die Säulen nicht massiv, die Kapitelle
nicht voll, sondern hohl, nicht aus Bronze oder Stein zu
sein, um so auszusehen. Man hatte sich ein Universal-
Imitationsgewerbe herangezogen, das alle diese leicht zu-
gänglichen Baumaterialien auf billige Weise »veredeln«
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