Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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ZU PAUL WALLOTS GEBURTSTAG

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J VZ

PAUL WALLOT
(ZU SEINEM 70. GEBURTSTAGE)
Von Robert Breuer

ES wäre ein Leichtes, vielleicht wäre es sogar
das Nächstliegende, in diesen Tagen des Kunst-
gewerbes den Siebzigjährigen aus Dresden als
einen Architekten zu feiern. Wir wollen aber doch
lieber das Pathos ein wenig beiseite setzen, um uns
einiger merkwürdiger Zusammenhänge zu erinnern,
einiger typischer Vorgänge, die noch nie fehlten, wenn
es galt, monumentale Bauten aufzurichten. Solch
Erinnern soll und wird uns Einsicht bringen in das
Wesen des Architekten und damit in die Persönlichkeit
Wallots. — Der Zusammenhänge erster Kreis ist
dieser: Im Jahre 1871 war für den Neubau eines
Reichstagsgebäudes ein Wettbewerb erlassen worden.
In der Jury saßen neben einigen andern: Statz, Hitzig,
Lucae und Semper. Das Resultat des Wettbewerbes
war sehr kläglich. Den ersten Preis bekam ein Herr
Bohnstedt aus Gotha, den heute niemand mehr kennt.
Dann reüssierten noch Kayser und Großheim, Ende und
Böckmann, Mylius und Bluntschli. Keiner dieser Ent-
würfe war ausführbar; sie fielen der Vergessenheit an-
heim. Doch das ist es nicht, warum wir heute von ihnen
noch einmal sprechen. Das tun wir vielmehr, um
die Forterbung der um große Architektnr Werbenden
zu betonen. Ist es nicht seltsam, daß Hitzig und
Lucae die Lehrer des Mannes waren, der in dem
zweiten, später veranstalteten Wettbewerb siegte. Ist
es nicht merkwürdig, daß dieser Mann, eben Paul
Wallot, heute auf dem Lehrstuhle Sempers sitzt. Und
weiterhin, als das zweite Preisausschreiben für das
Reichstagsgebäude erlassen wurde, im Jahre 1882, da
gelangten wiederum aus einer dunklen Menge von
189 Bewerbern Kayser und Großheim, Ende und Böck-
mann an das Licht und daneben noch Paul Thiersch,
Cremer und Wolffenstein, Heinrich Seeling, Franz
Schwechten. Wir brauchen nicht darüber zu streiten,
daß die weitaus meisten dieser Namen uns heute nicht
gerade das Höchste bedeuten; uns interessiert nur das
Immerwiederauftauchen der gleichen Menschen. Ist es
voreilig, aus solcher Zirkulierung von wenigen zu
schließen, daß es sich bei der großen Architektur um
etwas Aristokratisches, um das Verwalten einer Kon-
vention handelt. Und das im schlechten, wie im guten
Sinne. Man mag es bedauern, daß immer wieder Leute
wie Kayser und Großheim, Schwechten oder Thiersch zur
Stelle sind; man mag berücksichtigen, daß eine gewisse
kapitalistische Ausrüstung dabei insofern eine Rolle
spielt, als das Mitmachen so großer Wettbewerbe be-
deutsame Unkosten mit sich bringt. Einerlei, die
letzte Antwort ist damit nicht gegeben. Man bedenke
wohl: unter den 189 Bewerbern des zweiten Reigens
waren zwei, die bereits beim ersten durchs Ziel gingen.
Und ferner: sämtliche Sieger der zweiten Konkurrenz
sind von da an und schon früher als Architekten
großen Stiles genannt worden. Nochmals: wir reden
nicht von der Qualität, nur von der Stabilität. Es

gibt in der großen Architektur ein Erbe; es gibt Erben,
die, ob fruchtbar ob unfruchtbar, das Wappenschild
an sich nehmen. Daraus folgt, daß es kaum möglich
sein dürfte, jemals eine monumentale Architektur aus
dem Leeren zu zeugen; unendlich langsam arbeitet
die Entwicklung an großen Baumassen. Der Einzelne
vermag fast nichts; und wenn er das Äußerste leistete,
so ward er ein Exekutor bereits vorhandener Willens-
zentren und jeweilig regierender Machtfaktoren. Daher
kommt es, daß man wohl Raffael und Watteau kennt;
daß aber die Erbauer des Palazzo Pitti und des
Schlosses von Versailles zumeist erst erfragt werden
müssen. Mit welcher Erkenntnis die Aristokratie der
großen Architektur als ein ungewöhnliches Maß der
Versklavung an einen Massenwillen begriffen wurde.
Die Erben der Konvention scheinen, metaphysisch be-
trachtet, nichts anderes zu sein als die Beauftragten
der ökonomischen und politischen Macht. Und das,
was diese Erben an Regeneration leisten, dünkt uns
unter solchem Gesichtswinkel nur eine Materialisation
der die Herrschaft übenden Potenzen. Alle Architektur,
an erster Stelle aber der Monumentalbau gehorcht
der Prädestination. Er wird, wie er werden muß. Dar-
um sind die, die ihn als ein Greuel schaffen, nicht
so sehr zu tadeln, wie die, die solch Denkmal der
Schwäche zu ertragen vermögen, oder es gar begeistert
preisen. Und umgekehrt: der Meister, der das Klas-
sische leistet, hat nicht nur sich selber zu loben, hat
auch denen zu danken, die ihn gewähren lassen und
ihn bauen heißen. Es ist kein Zufall, daß Paul
Wallot die Erbschaft antritt und ein neues Reich
gründet zu einer Zeit, da wohl die Unfähigkeit noch
rings im Lande nistet, die besten Köpfe aber bereits
aus dem Marasmus der blöden Stilimitation und des
Protzentums sich zur Qualität und zur ausdruckreichen
Schönheit sehnten. Und in solchem Zusammenhang
entbehrt es nicht der Pikanterie, daß die Akademie
für das Bauwesen in einem Gutachten über Wallots
Reichstagsgebäude nachdrücklich erklärte: daß der
Architekt sich nach Möglichkeit von allem überflüssigen
Schmuck und Aufwand fernhalten möge, daß er keinen
Palast, sondern ein Arbeitshaus zu bauen habe. Hätte
Wallot diesen Rat rückhaltlos befolgt, so hätte er —
das darf man heute offen sagen •— seinem Werke
unendlich genutzt. Er hätte es bewahrt vor dem
kunstgewerblichen Ballast, den wir heute nur noch
als ein Verhängen und Zudecken der Architektur emp-
finden. Er hätte die Monumentalität des Reichshauses
gesteigert, genau so wie er sie steigerte, als er den
mannigfachen Einwendungen und Forderungen, die
nach der Annahme des preisgekrönten Entwurfes an
ihn herantraten, Folge leistete. Vergleicht man den
preisgekrönten Entwurf des Jahres 1882 mit dem was
heute steht, so kommt man beinahe in Versuchung
zu sagen, daß da etwas völlig Neues geschaffen wurde.
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