Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU

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Ivo

allem Schaffen zur Bedingung gemacht. Alle diese Dinge
sind, dank der intensiven und weitausholenden Propaganda-
arbeit der Werkbündler, schon Gemeingut einer großen,
aber doch noch viel zu kleinen Schicht des deutschen
Volkes geworden. Die Zeit war gekommen, neue und
wichtige, von unseren Künstlerpionieren gezimmerte Trage-
pfeiler in dieses Fundament einzurammen. □
□ Doch vorher mußten noch einige selbstsüchtige Profit-
macher, Wechsler und Pharisäer aus dem Tempel neu-
deutscher Kunst gewiesen werden. Muthesius tat dies in
würdiger, aber genügend deutlicher Form. Mancher Judas
mag sich in nächster Zeit still aus den Reihen der Werk-
bündler schleichen. Gemeint sind jene »1850er«, die da
glauben, mit den Grundsätzen der Material- und Zweck-
gerechtigkeit sei es getan, und die auf neuer Basis jene
leidige Stilimitation, die sie den kunstgewerblichen Fabri-
kanten von vorgestern selbst so heftig vorgeworfen hatten,
wieder aufnehmen zu dürfen glauben, ja die zu diesem
Geschäftsmanöver sich die schlechteste Periode aus unserer
Väter Werk, die Zeit um 1850, zum künstlerischen Vor-
bilde nahmen. Hier trennen sich unsere Wege! Mögen
sie immerhin sagen, wir seien nicht recht bei Trost, wenn
wir unser so kleines Häuflein von Mitarbeitern radikal ver-
ringern. Mögen sie! Hier ist reinliche Scheidung not-
wendig. □
□ Vielleicht sind’s aber nur irre gegangene, unselbstän-
dige Elemente, die sich zu uns zurückfinden? Sie sollen
uns willkommen sein! Vielleicht kommt wirklich die
langerwartete neue Paroleausgabe vom Problem der Form
etwas spät? Man möchte es beinahe glauben! Jedenfalls
ist es die höchste Zeit, das absichtlich zurückgedämmte
künstlerische Element in die genügend ausgebauten Kanäle
der wiedergewonnenen geschmacklichen Konvention sich
ergießen zu lassen. Um eine Ausrede brauchen die Stil-
imitatoren neuester Provenienz also nicht verlegen zu sein!
□ Die Schaffung der neuen künstlerischen Form ist vor
allem ein architektonisches Problem, eine Aufgabe der Or-
ganisation künstlerischer Werte. Die Baukunst soll die
Schatzkammer sein, in der Kräfte der formalen und rhyth-
mischen Gestaltung gesammelt und gesteigert werden.
Von der nationalen Architektur wird der Strom rückwirken-
der Beeinflussung auf die gewerblichen, tektonischen und
kunstgewerblichen Dinge ausgehen, in deren Produktion
sich unsere nationale Eigenart aussprechen und uns auf
dem Weltmarkt dauernd konkurrenzfähig machen und er-
halten kann. □
□ Es gehen also zwei Dinge parallel: die reine, künstle-
rische, auf eine neue Stilbildung subjektiv abzielende Be-
wegung, von deren Erfüllung allein aber das Bestehen des
deutschen Volkes noch nicht abhängen würde, obwohl sie
auch für unser inneres Selbstbewußtsein eine verflucht ernste
Sache ist, — und die volkswirtschaftliche Erkenntnis, daß
wir auf dem Weltmarkt mit entnationalisierten oder histo-
risch-frisierten Produkten ganz einfach nicht mehr bestehen
können und unter die Räder kommen müssen, — und hiervon
hinge allerdings die Existenz der Deutschen ab. Solche
materialistische Weltanschauung hat zu allen Zeiten und
bei allen Völkern mit der Surrogatromantik und mit ge-
dankenfaulem Selbstbetrug aufgeräumt, so auch jetzt und
bei uns. Ist aber einmal eine neue Übereinstimmung
(Konvention) der Anschauung und des Willens nach einer
gemeinsamen Abänderung der Lebenshaltung vorhanden,
so ergibt sich, auch auf künstlerischem Gebiete, die Stil-
bildung ganz von selbst. □
d Eine solche Konvention hat der »Deutsche Werkbund«
bewußt geschaffen und die konsequente Krönung seiner
Arbeit wird nun in der Durchgeistigung unserer industriellen
und gewerblichen Produktion liegen. □

□ Auf diesen Ton waren die meisten Reden der drei-
tägigen Tagung gestimmt. Dr. H. Wolff, Direktor des
Statistischen Amtes in Halle, sprach über »Volkswirtschaft-
liche Aufgaben des D.W.B.« Während die Volkswirtschaft
bisher meist ethische Ziele, z. B. den sozialen Schutz des
Arbeiters, verfolgt habe, wolle der D.W.B. das wirtschaft-
liche Gut auf seinen Ausdruck betrachten in dessen Zu-
sammenhang mit der Ästhetik. - Dr. Wolff teilte die werk-
bündlerische Aufgabe in fünf Teile: 1. in die Schaffung
von Qualitätsarbeitsstätten; 2. in die Gründung von Qua-
litätskartellen, die solche Produktion zusammenfassen. Er
verwies hierbei auf Lists Wort von der Fabrikspezialisie-
rung; 3. in die Ausbildung von Qualitätsvermittlern (Ge-
schmacksbildung der Verkäufer); 4. in die Belehrung der
Qualitätskonsumenten; 5. in die Organisierung dieser Qua-
litätskonsumenten. Mit dieser Verbindung von Mensch und
Gut soll dem Qualitätsgedanken der innere Markt erobert
werden. Hat aber das Gut den Ausdruck des menschlichen,
nationalen Qualitätswillens angenommen, so wird es auch
auf dem äußeren Markt gehandelt werden. — Geheimrat
Cornelius Gurlitt leitete die »Diskussion über ästhetische
Fragen«, die er dem Vortrag des Herrn Muthesius ent-
nahm. Er suchte die Stimmung und das Verständnis der
Versammlung, sie war öffentlich, betreffend die ästhetische
Programmerweiterung des D.W.B. zu erforschen. Während
bisher nur Zweck- und Materialgerechtigkeit (»Qualität«)
gefordert wurde, sei man jetzt zur Pflege der Form ent-
schlossen. Die Form kann nur ein Künstler geben. Wie
aber wird sich der Käufer mit dieser vom Künstler indi-
viduell gegebenen Form abfinden? Wird sich der Künstler
dem Streben, erst von der Konvention zum Stil zu gelangen,
einfiigen müssen und können, und wird die Schaffung von
Typen wünschenswert sein? Wird die Novitätensucht der
Produzenten nicht mit der Form Unfug treiben? Die
Ästhetik hat künftig von realen Dingen auszugehen, an-
statt wie früher den umgekehrten Weg zu machen. —
Von allen Diskussionsrednern reagierte eigentlich nur Prof.
Dr. Theodor Fischer auf diese Fragen, indem er für eine
Einordnung der künstlerischen Individualität in das Streben
der Menschheit nach gemeinsamem Ausdruck sprach.
Architektur dürfe niemals Selbstzweck sein, sondern den
Hintergrund für das Leben der Menschen bilden. Karl
Ernst Osthaus meinte in einer längeren Ausführung, das
architektonische Streben der Völker und Zeiten habe stets
zwischen flächenhafter Raumgestaltung und körperhafter
Bauweise gewechselt, je nach der demokratisch-organisa-
torischen oder individualistischen Veranlagung der Men-
schen. Zur Frage: Typ oder Individualität äußerte sich
der Redner, es werde immer überragende Individualitäten
geben, deren Schaffen eben durch den starken Kontrast
zur Type eine Einheit mit ihr ergeben müsse. □
□ Als Gurlitt zur Ausbildung der Architekten überging
und den Ausspruch von Muthesius, die Technischen Hoch-
schulen sähen leider ihre Aufgabe mehr darin, Räte vierter
Klasse statt Künstler ersten Ranges auszubilden, erwähnte,
da wurden die Geister lebendig. Gurlitt selbst ist als
Kritiker des Lehrgangs an der Technischen Hochschule
längst bekannt. Ihm sekundierte Geheimrat Schmid von
der Technischen Hochschule in Aachen, der sehr richtig
bemerkte, daß man auf diesen Hochschulen viel zu viel
lehren wolle. Die Studierenden sollten da möglichst voll-
getrichtert werden mit allem, was ihnen im späteren Leben
jemals begegnen könnte; dies sei natürlich unmöglich, da
kein Mensch diesen ganzen Stoff in sich aufnehmen könnte;
vielmehr müßte man die Studierenden in ihrer Denkweise
und Auffassung möglichst selbständig machen, damit sie
sich dann nach eigenem Ermessen und nicht nach einem
fremden Rezept mit den Dingen abfinden könnten. Der
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