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Kunstnachrichten — 1.1911/​1912

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https://doi.org/10.11588/diglit.57913#0077
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Diese Nummer der Kanstaachrichten ist 12 Seiten stark.

Anflage; 13000.

KUNSTNACHRICHTEN
BEIBLATT DER KUNSTWELT

Die » K u n s t n a di r i di t e n « sind ständiges
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I. JAHRG. No. 17/18

15. Juni 1912

Vom nationalen Geschmack.

Man hörte in letzter Zeit des öfteren das Wort
vom „nationalen Geschmack“ und las auch
von einem „Kampf um den nationalen Geschmack“.
Dunkel ist Sinn und Herkunft dieses wie der
meisten Schlagworte. In dem Zusammenhang
jedenfalls, in dem es Dr. P. Jessen, der Direktor
der Bibliothek des Kunstgewerbemuseums in
Berlin, in einem Vortrage vor der Vereinigung
für staatswissenschaftliche Fortbildung gebraucht
hat, will es „Durchsetzung der deutschen Kunst, im-
besonderen des deutschen Kunstgewerbes im In-
und Auslande“ bedeuten. Daß trotz eines außer-
ordentlichen Aufschwungs und trotz des Ab-
streifens der Schlacken des Ungeschmacks das
deutsche Kunstgewerbe noch um Anerkennung in
manchen deutschen Kreisen und vor allem im
Auslande ringen muß, ist eine bekannte Tatsache.
Nichts wäre, vom Standpunkte der deutschen
Volkswirtschaft und des deutschen Volkswohl-
standes, erfreulicher, als wenn es dem deutschen
Kunstgewerbe gelänge, neue Absatzgebiete zu
erschließen. Aber das ist wohl mehr eine wirt-
schaftspolitische Angelegenheit wie eine künst-
lerische, insoweit ja nun einmal gewisse Rück-
sichten zu nehmen sind auf die Geschmacks-
richtung des zu erschließenden Absatzgebietes,
jedenfalls ist es mehr eine technische und ge-
schmackliche denn eine patriotische. Will man
die Kunstindustrie der führenden Länder aus dem
Felde schlagen, so kann dies nur durch technisch
überragende Produkte geschehen, die zugleich eine
dem praktischen Bedürfnis angepaßte elegante
Linienführung, architektonisches Gefühl und, wo
angängig, feinen ornamentalen und Farben-Sinn
zeigen. Nicht aber die besondere deutsche,
oder gar deutschtümelnde Eigenart und Eigen-
willigkeit kann es sein, die uns den Beifall des
geschmackvollen internationalen Publikums er-
ringen wird.

Aber — so wird man mir entgegenhalten —-
nicht auf die technische und geschmackliche Höhe
der Erzeugnisse der neuen Richtung im deutschen
Kunstgewerbe komme es allein an, sondern auf
die grundlegenden Ideen, die zur Schöpfung eines
neuen Kunstgewerbes führten. Diese müssen sich
in der Welt durchsetzen, und damit habe das
deutsche Kunstgewerbe wenigstens einen ideellen
Sieg erfochten. Aber selbst wenn diese grund-
legenden Ideen richtig sind, wie z. B. die der
Zweckform, sie bilden doch nur die Basis, auf die
man aufbauen kann, sie sind gewissermaßen die
Wurzel, aber sie lassen die Blüte nicht ahnen
und geben keine Gewähr für sie. Und doch
sind zu Zeiten, die die heute für fundamental
erklärten Anschauungen (oder „Kunstgesetze“)
nicht kannten, wie im 17. und 18. Jahrhundert,
Werke geschaffen worden von solcher Reife, daß
sie immer wieder für geschmackvoll erklärt werden.
Es sind eben noch andere Faktoren, die zu den
grundlegenden Ideen hinzutreten müssen, um einen
neuen (meinetwegen deutschen) Stil im höheren
Sinne, der sich mit dem Empire, dem Louis-
Seize oder Rokoko messen kann, bilden zu
helfen. Eine vergleichende Betrachtung verbietet
uns, schon von einem neuen Stil zu sprechen —
wir sehen alles noch im Flusse — es fehlt noch
am Wesentlichen. Sind doch die grundlegenden
Ideen noch nicht einmal bei der Mehrzahl der
Fachleute, geschweige denn in großen Teilen des
gebildeten deutschen Bürgertunis verbreitet. Jene,
die Fachleute, sind noch mehr Denker als
Schöpfer, es fehlen ihnen die gestaltenden Faktoren,
diese, die Genießenden, stellen noch nicht die
hohen Anforderungen. Viele Worte und mehr
tönende Phrasen werden gemacht, viel Tinte wird
verschrieben: es bleibt alles beim Alten. Solange
man so viel und so heftig vom Geschmack spricht,
haben wir noch keinen. Solange jede künst-
 
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