Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 14,1.1900-1901

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schatz volkstümlicher Tonpoesie, der fleißiger gehoben werden sollte in einer Zeit,
mo das Gold nicht auf der Straße zu liegen pflegt- Plüddemanns Andenken
wollen wir als das einer ausgeprägten Jndividualität unter den Epigonen
der Wagnerzeit hochhalten, denn, wie sein sinnvoller Grabspruch treffend sagt:
„Er war unter seinesgleichen ein Markgraf der Frau Musika in ihren blühen-
den Reichen." R. B.

vie Annäkerung cler Rünsle in cler 6egenxvar1.

Wie die Wissenschaft, war die Kunst im Zeitpunkte ihrer Ent-
stehung etwas Einfaches, aus dem sich allmählich die Einzelkünste in
wachsender Differenzierung entwickelten. Aber wie in der Wissenschaft,
je weiter sie sich in immer mehr auseinandertretende Einzelgebiete auf-
löst, das Bedürfnis nach einer Gesamtdarstellung, nach großen Ueber-
blicken und gemeinsamen Gesichtspunkten wieder wächst, so wird auch in
den einzelnen Kunstzweigen mit dcm Erwachen der Rückerinnerung an
die ursprüngliche Einheit und dem schmerzlicheu Gefühl des Getrenntseins
in der Gegenwart, die Empfindung der Zusammengehörigkeit wieder
stärker. Dieses Strebeu zur Eiuheit der Wirkungen aus der Erkenntnis
der einhcitlichen Aufgaben ist es, was mit dem Titel als Anuäherung
der Künste bezeichnet wurde. Darin liegt gewiß ein Fortschritt, dieser
aber hat wie alles Ncue seine Gefahren im Extrem. Beides zu erkennen,
kann für die Zukunft der Kunst nicht ohne Bedeutung sein.

Ehe wir aber das Zurücktreten der Künste zur Einheit im Ein-
zelnen bezeichnen können, sollten wir uns wieder gegenwärtig halten,
was zu ihrer Entfernung gehürt hat, wir müssen mit andern Worten
ihre verschiedenen Ausdrucksformcn in ihrer Eigentttmlichkeit betrachten.
Jede Aesthetik bietet darüber reiche Auskunft, wir halten uns also nur
am Andcutungcn. — Die Unterscheidung in Wort-, bildende und Ton-
kunst genügt für unsere Zwecke. Diese Neihenfolge ist nicht mit Beziehung
auf die zeitliche Entstehung oder Verselbständigung der Künste gewählt,
eine dunkle und schwierige Frage, ebensowenig in Rücksicht auf ihren
Rang, eine zmecklose und fast unmügliche Untersuchung, sondern mit Be-
ziehung auf die Art ihrer Ausdrucksfähigkeit.

Die Wortkunst wendet sich an zwei Sinne, vorwicgend an das
Ohr, nur zum Zweck der Uebertraguug durch die Schrift an das Auge.
Der Gegenstand ist etwas Umgrenztes und damit ctwas Einzelnes: be-
stimmte Menschen, ein abgesonderter Eindruck, und von diesem Einzelnen
oft wieder nur ein Stück, ein Ausschnitt seines Daseins, dieses beschränkte
Stück Leben aber wird in möglichster Vollständigkeit dargestellt, mit einer
Fülle von Zügen versehen, in eine Welt von Bcziehungen hineingestellt.
Diese Häufung des Einzelwerks geschieht in zeitlicher Aufeinanderfolge;
wir haben ein Nacheinander, nicht ein Nebeneinander, dem Dichter ist
Zeit gelassen zur Entwickelung, zur Wiederholung und zum Wechsel. —
Ganz anders die Malerei. Auch sie ist beschräukt wie die Wortkunst, ja
es scheint im ersten Augenblick, sie sei die ärmste aller Künste. Kann
sie doch nur eiuen Augenblick festhalten, sden „fruchtbaren Moment" in
Lessings Laokoon), bei dem alle Entwicklung unmöglich und das Zeit-
moment ausgeschlossen ist. Aber eben in diesem Augenblick ist sie un-
endlich reich, erschöpft sie ihre ganze Fülle. Sie wirkt plötzlicher, un-

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