Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 14,1.1900-1901

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rviderstehlicher, lebendiger durch das Nebeneinander, weil sie unmittel-
Lare Anschauung gibt, Anschauung, die nicht erst in der Phantasie des
Genießenden wiederhergestellt werden muß Mit dem Auge genießen
kann jeder in einem bestimmten Kulturkreis geborene Mensch ohne weitercs
Studium; und es gibt immer noch eine Schönheit, die „unmittelbar
und allgemein" gefällt. Wirkt somit die Malerei auf einen weiteren
Kreis, so kann sie das nur durch größere Allgemeinheit ihres Gegen-
standes. Es ist nicht mehr die bestimmte Landschaft, der bestimmte
Mensch, sondern eine Landschaft, ein Mensch. Aber selbst, wo es
sich um etwas fest Bestimmtes handelt, wie bei dem Porträt, so
bleibt die Wiedergabe des Juhalts im Vergleich mit der Wortkunst ein
Bruchstück, eine Episode, mag es die wichtigste sein: ein vieldeutiges
Dokument. — Noch einen Schritt weiter und wir befinden uns in der
Musik. Hier herrscht das Unbestimmte, Allgcmeine schrankenlos. Für
das Auge ist nur ein Anhaltspunkt da, wie in der Poesie und un-
wichtiger, als in dieser; jede andere Begrenzung fällt weg. Das Nach-
einander tritt in seine Rechte wieder ein und hat die Uiiendlichkeit zum
Arbeitsfeld. Die Wirkung der Kunst ist ja hier keine verstandesmäßig
bedingte, sondern ein rein durch die, Stimmung erzeugende Erfindung
geschaffener Genuß. Jhn auszukosten ist weniger eine Sache der Er-
ziehung oder des Studiums als eine angeborene, mit der instinktiven
Zustimmung zu unsern harmonischen Konventionen* verbundene Anlage.
Vermöge ihrer Allgemeinheit reicht die Musik weit hinaus über die
Sprach- und Empfindungsgrenzen einzelner Völker und ist eben darum
der Vergänglichkeit weniger ausgesetzt als die Poesie und selbst die
Malerei. Jhre Vieldeutigkeit ist zugleich ihr höchster Vorzug und ihre
strengste Schranke.** Wo das Wort versagt, wo das Unvcrstandene,
im Dunkel drängend, laut wcrdcn will, da löst ste die Spannung, da
schlingt sie das Band der Gemeinsamkeit um alle, die aus der Tiefe
leben und dem Gehcimnisvollen lauschen.

Haben wir nun versucht, die Ausdrucksformen der Kunst iu ihrer
Verschiedenheit zu bestimmen und von einander abzugrenzen, so ist uns
vielleicht das Gefühl für ihre Gemeinsamkeit und ursprüngliche Einheit
ganz abhanden gekommen. Jn der That, wenn wir uns an die formale
Seite der Künste halten, läßt sich begreifen, daß sie sich immer mehr
dem jeweilfgen Organ des Ausdrucks anpaßten und im Laufe der Ge-
schichte weiter differenziert haben. So lange also das Kunstideal ein
sormales war, konnte an eine Annüherung der Künste nicht gedacht
werden. Von dem Augenblick aber, iu dem die Künste einen Jnhalt
auszudrücken strebten, waren sie wieder aufeinander angewiesen; denn
dieser Jnhalt konnte nur ein gemeinsamer sein. Damit ist natürlich nicht
gesagt, daß die Künste bisher inhaltlos gewesen scien. Thatsache ist aber,
daß vor allem die Musik und die bildende Knnst heute ein Verlangen
nach Ausdruck zeigen, das sie früher nicht hatten und vielleicht in einer
Zukunft, auf der das Lebensproblem wenigcr schwer liegt, wieder ver--
lieren werden. Worin dieser Jnhalt besteht, kann hier nicht geschildert

* Man vcrgesse nicht, daß z. B. für die Chinesen unscre Harmonien eine
Tortur sind — und umgekehrt.

** Wie sehr litt unter ihr z. B. Otto Ludwig, der sich von der Musik
endlich nur deshalb zur Poesie wandte, weil er Eindeutiges zu gostalten strebte.

Kunstwart

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