Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 14,1.1900-1901

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Dichter, die ihn in seinen letzten Lebensjahren völlig beschäftigen sollten:
Giesebrecht und Fontane. Jn dem Hefte, das die Giesebrechtsachen um-
faßt, ragt „Dantes Traum" als eine Schöpfung großen Wurfes hoch empor.
Schade, daß dem Gedichte selbst die rechteKlarheit mangelt. Dantes überströmende
Bitten, Beairices Geisterstimme, die wonnige Kantilene des Mittelsatzes und
das erhabene Pathos der schließlichen Steigerung — all das hinterläßt einen
sehr bedeutenden Eindruck. Jm Gegensatz dazu zeichnet sich ,St. Mariensritter"
durch einen naiv-innigen Legendenton aus. Auf Fontanes altenglische Balladen
wurde Plüddemann offenbar durch Loewes herrlichen „Archibald Douglas" ge-
führt. Den Preis unter seinen Fontane-Kompositionen verdient „Lord William
und schön Margret", die wir als Probe in diesem Hefte vorlegen. Auch auf
„Maxwells Lebewohl" möchte ich stimmbegabte Sänger aufmerksam machen.
Das dritte Heft endlich vereinigt mehrere Gesänge von verschiedenen Dichtern;
eines davon, „Niels Finn" von Björnson, ist unsern älteren Lesern bereits wohl-
bekannt. Auf Hans Sachsens „St. Peter mit der Geiß" hab ich Plüddemann seiner-
zeit selbst hingewiesen. Jch verdanke diesem Umstand einen interessanten Brief
des Komponisten über sein Werk, worin es unter anderm heißt: „Eine eigentlich
bedeutende Musik ließ sich zu dem Gedicht unmöglich machen. Sie wäre auch
übel am Platze, da der Jnhalt das eigentlich Gefühlvoll-Lyrische nur streift.
Es war also für die Musik keine Gelegenheit, reich und voll zu werden. Mehr
wie je bei mir wird dies wieder ein reines Deklamations- und Vortragsstück
für den Sänger, auf dessen deutliche, anmutige Aussprache, ja ich möchte sagen
auf desscn liebenswürdige Miene es dabei ankommt. Wenn so was cin Kerl
wie L. zu sehen bekommt, so steht er wie der Ochs vorm Berge. Diese Leute
sind (trotz Wagner) nie aus der absoluten Musik herausgekommen! Jhre Aus-
lassungen konnte ich alle als höchlich ermöglichend und die unmusikalische Breite
einschrünkend gebrauchen. Hab noch eine hinzugethan: »Petrus ward drob gar
wolgemut, däucht sich für die Herrlichkeit sehr gut.« Wenn Sie meinen, es
dürfe nicht fehlen, so müßte ich vorher bei den Worten »mein ganz Negiment
geb ich den Tag in deine Händ« nicht schon nach ^,-moU gehen. Hier enthüllt
sich durch die plötzliche Modulation (von I^-moll nach ^-moll) ein neues Bild,
und sofort erscheint wie gerufen im ^V-moll das arme Plunderweib. Jch war
hier des Gesühls (in Petri Seele hinein), daß er nicht so »ganz wolgemut« ist
beim Vorschlage deS Herrn. Er fühlt sich doch nicht so ganz sicher trotz seines
großen Mundes." Und dann kommt — sür Plüddemanns Verhältnis zu seinen
Texten sehr bezeichnend — das allgemeine Raisonnement: „So wird es allen
unsern heutigen Weltverbesserern gehen, die wunderbar schimpfen und Mängel
aufdecken können in hochtrabend und vielverheißend klingenden Worten. Kommt's
zum Klappen, so sind sie der Riesenaufgabe noch schlechter gewachsen als unsere
Regierungen" u. s. w.

Plüddemann war eben nicht gleich den meisten seiner Kunstgenossen in
seine Musikwelt eingeschlossen, er sah über deren Grenzen stets angelegentlich
in das ganze ihn umgebende Kulturgetriebe. Wie sein ganzes Wesen nach Be-
wegung und Handlung drängte, war ihm seine Kunst als echtem Epiker Organ
der Mitteilung. Allc seine Kompositionen sind Voriragstücke, also nicht bestimmt,
als Fixierungen intimen künstlerischen Empfindens einsam am Klaviere nach-
gekostot zu werden, sondern sie setzen jemanden vvraus, der zuhört, dem er-
zählt wird. Von diesem Gesichtspunkte aus müssen sie beurteiit und — ge-
sungen werden. Nicht alles natürlicherweise ist gleichwertig in den Hesten:
trotzdem bieten sie wie ihre Vorgänger dem singenden Deutschland einen Haus-
Runstwart
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