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Merkel, Friedrich
Jacob Henle: ein deutsches Gelehrtenleben ; nach Aufzeichnungen und Erinnerungen — Braunschweig, 1891

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https://doi.org/10.11588/diglit.15260#0045
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— 27 —

Familie Zeiller, beftehend aus einem venvittweten
Vater, fünf Töchtern und zwei Söhnen. Befonders
die ältefte Tochter Nahni und die dritte Malchen,
beide fehr anmuthige Erfcheinungen, waren mit pracht-
vollen Stimmen ausgestattet. Die im Alter zwifchen
beiden ftehende Therefe unterftützte jene mit einem
guten Alt und der letzteren Bräutigam, Buchhändler
Hölfcher, fang und fpielte mit den Mädchen um die
Wette. Nachdem man fich eine Weile über die
Strafse hinüber gegenfeitig zugehört hatte, fühlte das
junge Völkchen das Bedürfnifs, geineinfam Mufik zu
machen, es wurde Bekanntfchaft angeknüpft und bald
Freundfchaft gefchloffen, denn Marien's Clavierfpiel
und Stimme waren dem Zeiller'fchen Haus ebenfo
willkommen, wie Jacob's musikalifche Sicherheit und
fein kräftiger Bafs, welcher fich im Laufe der Jahre
aus dem hohen Sopran des Knaben entwickelt hatte.
Herrliche Stunden waren es, welche nun die beiden
Häufer zufammen verlebten, und nicht allein die Mufik
wurde gepflegt, fondern es gingen von den Zeiller'-
fchen Töchtern noch Anregungen aller Art aus,
Welche den leicht entzündlichen Henle'fchen Ge-
fchwiftern zur Quelle reinften Genuffes wurden. Vater
Zeiller war in der franzöfifchen Zeit in Simmern in
angefehener Stellung bei der Verwaltung gewefen, war
dann auf Wartegeld gefetzt und lebte nun in ziem-
lich knappen Verhältniffen. Die Töchter wufsten fich
aber mit Grazie darein zu fchicken, kehrten fich nicht
an die koftfpieligen und wechfelnden Moden, fondern
trugen fich nach eigener Phantafie, etwas künftlerifch,
und verftanden es fogar, in gewiffer Weife Haus zu
machen. Es ging dort ein und aus, wer höhere Inter-
 
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