Meyer, Adolf
Ein Versuchshaus des Bauhauses in Weimar — Weimar, 1925

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WALTER GROPIUS
WOHNH AUS-INDUSTRIE

Der Mensch besitzt die unzweifelhaften Möglichkeiten, seine Wohnung aus*
reichend und gut zu bauen, aber eigene innere Trägheit und sentimentales Hängen
an Vergangenem hinderten ihn bisher an der Durchführung. Die Härte der Welt*
ereignisse zwingt heute die Staaten und die Einzelnen zur Überwindung dieser Träg*
heit. Durch Umstellung auf die veränderten Weltverhältnisse gilt es endlich, die alte
Idee zu realisieren, typische Behausungen billiger, besser und zahlreicher als bisher
zu bauen und jeder Familie die gesunde Lebensbasis zu schaffen. Allgemein brauch*
bare Lösungen, die der modernen Zeit wirklich entsprechen, sind deshalb noch nicht
entstanden, weil das Problem des Wohnungsbaues an sich noch nirgends in seinem
ganzen soziologischen, wirtschaftlichen, technischen und formalen Ge*
füge erfaßt und danach planmäßig und im Großen von Grund auf gelöst wurde.
Immer blieb man bisher in tendenziösen Teilproblemen, in Ersatz* und Spar*
baufragen, in bodenkulturellen oder ästhetischen Erwägungen stecken. Ist aber
erst einmal der ganze Umfang der geistigen Forderungen, von denen das Wohn*
bauproblem abhängt, klar erkannt und scharf Umrissen, dann wird die taktische
Durchführung nur mehr eine Frage der Methoden und der großangelegten
Regie sein.
Dieser Generalplan, das »wie wollen wir wohnen?« als allgemeingültiges, aus
den geistigen und materiellen Möglichkeiten der Gegenwart gefundenes Denk*
ergebnis, existiert noch nicht. Die chaotische Uneinheitlichkeit der Wohnhäuser be*
weist die Verschwommenheit der Vorstellungen von der richtigen, dem modernen
Menschen gemäßen Behausung.
Entspricht es etwa der menschlichen Lebensweise, daß jedes Individuum eine
ganz andere Wohnstätte als das andere hat? Ist es nicht ein Zeichen geistiger Armut
und falschen Denkens, wenn man seine Wohnung in Rokoko oder Renaissance ein*
richtet, während man doch in allen Teilen der Welt das gleiche moderne Gewand
des heutigen Menschen trägt? Die Fortschritte derTechnik in den letzten drei
Generationen übertreffen diejenigen, die Jahrtausende vor uns gemacht haben. Ent*
schließe man sich also im Vertrauen darauf zu kühnen Forderungen, damit durch
Organisierung aller materiellen Arbeit der Geist immer freier wird. Vielleicht sind
mobile Wohngehäuse, mit deren Hilfe wir alle Bequemlichkeit eines wirklichen
Wohnkomforts sogar bei jedem Ortswechsel mit uns nehmen könnten, gar keine
allzuferne Utopie mehr.
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