Moller, Georg; Gladbach, Ernst
Denkmähler der deutschen Baukunst (Band 1): Beiträge zur Kenntniss der deutschen Baukunst des Mittelalters: enthaltend eine chronologisch geordnete Reihe von Werken, aus dem Zeitraume vom achten bis zum sechszehnten Jahrhundert von Georg Moller — Darmstadt, 1821

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ie Geschichte des menschlichen Geschlechts, und seiner stufenweisen Entwicklung,
das scheinbare Zurücksinken in manchen Perioden, und das Hervorgehen des Bessern
und Schönen aus dem Bösen selbst, sind,dem denkenden Menschen das lehrreichste
und würdigste Studium und erfüllen ihn mit Verehrung und Anbetung der Vorsehung.

Diese Geschichte besteht aber weder allein in todten Namensverzeichnissen, noch
in der Erzählung immer wiederkehrender Kriege und aller der Leiden und Verbrechen,
welche Raubsucht und Ehrgeitz dem menschlichen Geschlecht bereitet haben, sondern
vielmehr in dem stilleren Gemälde der Sitten, der Religion, der bürgerlichen Verfas-
sung, des Handels und der Künste und Wissenschaften. Einen wesentlichen Theil
dieses Gemäldes bildet die Geschichte der Baukunst, deren Werke für denjenigen,
welcher sie gehörig betrachtet, die lebendigsten, ja aus manchen Perioden die ein-
zigen übrig Gebliebenen Urkunden früherer Zeiten sind , indem sie uns die lebhafteste
und belehrendste Vorstellung der Eigenthümlichkeit, der Kenntnisse und Macht ihrer
Urheber geben. Die Vergleichung des Minerventempels zu Athen, mit den kleinlichen
und geschmacklosen japanischen oder chinesischen Götzentempeln , wird das Verhältnifs
der alten Griechen zu den Japanern und Chinesen lebhafter und unwidersprechlicher
darstellen , als die weitläufigste Abhandlung. Diese historische Wichtigkeit der Werke
der Baukunst ist vielfältig erkannt worden, und diejenigen der alten Baudenkmähler,
welche fremden Nationen angehören, sind gröfstentheils durch gelehrte Alterthumsfor-
scher und Künstler sorgfältig beschrieben und dargestellt, so, dafs die Kenntnifs der-
selben als ein Gemeingut aller gebildeten Nationen angesehen werden kann; um so mehr
fragt man sich mit einigem Befremden, wie es doch komme, dafs die Werke unseres
Vaterlandes, welche abgeselm von ihrem Kunslwerth, durch ihre Gröfse und die Dauerhaf-
tigkeit , womit sie den Einwirkungen der Witterung und der Zerstöruugswuth der Menschen
seit Jahrhunderten widerstanden haben, unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen müssen ,
so gänzlich ungekannt sind. Man fragt sich, wie es komme, dafs junge Baukünstler, in Rom
die Ruinen, welche hundertmal gezeichnet und gestochen sind, noch einmal messen und
zeichnen , ehe sie von den ihnen so nahe liesenden Werken ihrer Vorfahren nur eine ober-
flächliche Kenntnifs haben. Die Geschichte der deutschen Baukunst wird daher bei dieser
Unkenntnifs ihrer Werke jetzt noch dem Bearbeiter bedeutende Schwierigkeiten entge-
genstellen , und einzeln betrachtet wird man in ihr die oft auffallenden Erscheinunsen

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