Moller, Georg; Gladbach, Ernst
Denkmähler der deutschen Baukunst (Band 1): Beiträge zur Kenntniss der deutschen Baukunst des Mittelalters: enthaltend eine chronologisch geordnete Reihe von Werken, aus dem Zeitraume vom achten bis zum sechszehnten Jahrhundert von Georg Moller — Darmstadt, 1821

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1. ) dem Klima, der durch das Material bedingten Konstructionsart, so wie
der Denkweise und den Sitten des Volks und des Zeitalters entsprechend sind und

2. ) dessen Gebäude in den Hauptformen und in den Theilen und den Ver-
zierungen mit sich selbst ein übereinstimmendes Ganze bilden, welches alles Fremd-
artige und Unpassende ausstöfst. Diese Grundsätze , welche ohne Rücksicht auf ir-
gend eine Schule, auf die Beurtheilung der Werke aller Zeiten und aller Völker gleich
anwendhar sind, und vor einseitiger Ueberschätzung oder Nichtachtung hewahren , wer-
den wir Gelegenheit hahen später hei Untersuchung der die Baukunst des Mittelalters
betreffenden Hypothesen anzuwenden.

II. CAPITEL.

Ueber den römisch griechischen Baustyl, von der EinfüJirung des Christen-
Üiums als Slaatsreügion im römischen Reiche bis zum achten Jahrhundert,
und über dessen Einflufs auf die Bauart im übrigen Europa.

Um diese Bauart richtig zu würdigen wird es nöthig seyn, einen Blick auf die
Formen früherer Baukunst zu werfen.

Die egyptischen Gebäude zeichnen sich durch die höchste Dauerhaftigkeit aus. Sie
hahen keine schiefen Dächer, sondern die Bedeckung besteht aus sehr grofsen und
dicken horizontalliegenden Steinplatten und die Stärke ihrer Säulen, ihre Nähe, so wie
die horizontale Form der Decken und Oeffnungen sind Folgen dieser Constructionsweise.

Die griechischen Gebäude, ebenfalls höchst dauerhaft erbaut, zeigen zugleich üher-
aus schöne Verhältnisse. Sie hatten Dächer von Zimmerwerk, welche mit Dachziegeln
von gebranntem Thon, oder von Marmor bedeckt waren. Gröfsere Räume hatten
flache Holzdecken; nur kleinere Räume, zum Beispiel, die äufseren Säulengänge, sind
mit Stein gedeckt, daher die griechischen Säulen, welche im Vergleich zu den egypti-
schen, keine sehr grofse Lasten zutragen haben, weit schlanker sind, als diese. Die
Anwendung der hölzernen Decken , und der Gebrauch grofser Werkstücke veranlafst,
wie bei der egyptischen Baukunst ebenfalls die horizontale Bedeckung der inneren
Räume und Säulengänge, sowie der Fenster und Thüren. Der Gebrauch gewölbter
Decken, der Fenster und Thürbogen ist ausgeschlossen. Beide Bauarten, die egyp-
tische und die griechische haben, indem sie dem Klima , dem Baumaterial und dem
Bedürfnifs entsprechen, zugleich die gröfste Harmonie der Formen. Alles ist in ihnen
folgerecht und übereinstimmend.

In Unteritalien wurde durch Colonien griechische Bildung verbreitet. Die
Tempel zu Pästum in Grofsgriechenland, jetzt Königreich Neapel, gehören zu den besten
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