Moller, Georg; Gladbach, Ernst
Denkmähler der deutschen Baukunst (Band 1): Beiträge zur Kenntniss der deutschen Baukunst des Mittelalters: enthaltend eine chronologisch geordnete Reihe von Werken, aus dem Zeitraume vom achten bis zum sechszehnten Jahrhundert von Georg Moller — Darmstadt, 1821

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vollendet, der südliche Thurm aLer nicht höher, als ]>is zu der Plaieform geführt ist. Auch die Spi-
tzen oder Baldachine über den vier Wendeltreppen sind nicht ausgeführt, sondern hier nach der alten
Originalzeichnung ergänzt.

Ueber die an den deutschen allen Kirchen sich findende verständige Rücksicht auf die Gesetze des
Sehens und den eigentümlichen Standpunkt jedes Gebäudes, wird es vielleicht nicht uninteressant seyn,
mit Bezug auf den Freiburger Münster folgendes zu bemerken:

In dem hier dargestellten Aufiifs desselben sind die obern beiden Abtheilungen, nämlich das
Achteck und die Pyramide, unverhältnifsmäfsig hoch gegen den vierekiglen untern Theil des Thurmes,
welcher mit dem Schiff der Kirche in Verbindung steht. In der "Wirklichkeit erscheinen aber diese Ver-
bältnisse ganz anders und weit schöner, so dafs der Herausgeber nachdem er früher den vierehigten un-
tern Theil des Thurmes gemessen die beiden obern Haupttheile, das Achteck und die Pyramide aber
nach dem Augenmaafse gezeichnet halte, sich erst nach mehreren wiederholten Messungen von der
Richtigkeit der hier gegebenen geometrischen Verhältnisse überzeugen konnte. Um hierüber sich näher
zu belehren , entwarf derselbe die hier abgebildete Zeichnung. Auf derselben ist a b die Entfernung
des Standpunktes von dem Thurme, welche hier zu 600 Fufs angenommen ist. a c ist ein Kreisbogen
aus dem Punkt b mit dem Radius von a b gezogen. Da nun die scheinbare Gröfse aller Gegenstände
sich nach den Winkeln bestimmt, unter welchen dieselben gesehen werden, so wurde die ganze Höhe
der oben erwähnten nach dem Augenmal'se gemachten Zeichnung , an welcher nur der untere Theil ge-
messen war, auf die Linie a c getragen, und aus dem Standpunkte b die Linien b c, b d und b e
gezogen und bis an die Vertikallinie a f verlängert, wo sich dann ergab, dafs die wirklichen Maai'se
des Thurmes unter sich vollkommen die Verhältnisse hatten , als die Abtheilungen f g, g h und h a.
Der Herausgeber würde es nicht gewagt haben, diese Beobachtung, welche, wenn sie einmal gemacht ist,
so natürlich scheint, zu erwähnen, wenn er sich nicht überzeugt hätte, wie selten es ist, dafs bei der
Aufführung grofser Gebäude auf deren Standpunkt und die Gesetze der Perspective und Optik Rück-
sicht genommen wird. Zum Beweise des eben Gesagten darf derselbe nur an die Peterskirche zu
Rom erinnern, von deren Kuppel, welche im geometrischen Aufrifse so schöne Verhältnisse hat, auf
dem grofsen absichtlich für die Kirche angelegten Platze nicht viel mehr als der Knopf sichtbar ist.
Um ganz sicher zu wissen, w'elche Wirkung ein Gebäude auf einem gegebenen bestimmten Platz machen
wird, dürfte es daher zweckmäfsig seyn aus dem Entwurf des Aufrisses jedesmal auf die in dem gegebe-
nen Beispiele angezeigte Weise, die wirklichen Dimensionen zu bestimmen, welche die obern Theile des
Gebäudes erhalten müssen.

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