Pecht, Friedrich
Geschichte der Münchener Kunst im neunzehnten Jahrhundert — München, 1888

Seite: 44
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mit der englischen teilt, hat Bürkel in Miinchen recht eigentlich eingeführt, da weder
Kobell und Klein, noch Peter Heß oder Adam auch nur eine Spur davon zeigen.
Sie hing mit der derb sinnlichen Natur des kolossalen, eine unverwüstliche Ge-
sundheit genießenden, und ihr Behagen in seine Werke ausstrvmenden Mannes, wie
mit dem sröhlichen Pfälzer Naturell desselben aufs genaueste zusammen, und wirkt
deshalb nmso ansteckender.

Jndes beschränkt sich Bürkels Verdienst nicht darauf. Der Humor bedingt
selbstverständlich die Stimmung und so finden wir denn diese sehr bald als ein
Hauptelement seiner Darstellung benutzt. Da sehen wir mitten im Winter einen
nmgestürzten Schlitten, der seinen Jnhalt von sehr angeheiterten Bauern in den
Schnee gebettet, oder wir finden uns vor einer Schmiede, an der ein Cyklope den
gesprungenen Reif eines erkrankten Geführtes zu heilen sucht. Wie er zuerst mit
feiner Beobachtung nll-e Tages- und Jahreszeiten schildert, so gibt er auch alle
Hauptperioden im menschlichen Leben und geht dabei nur dem Tragischen durchaus
aus dem Wege. Taufen und Hochzeiten, oder Scheibenschießen fiihren uns zum
lnstig anf sonniger Höhe gelegenen Wirtshaus, oder lassen die Güste auf den
drolligsten Fahrgelegenheiten von da zurückkehren. An derben Liebesgelüsten fehlt
es bei ihm so wenig, als nn Rauflnst, Streit und Zank nnter den handfesten
Burschen. Die Geschicklichkeit, mit der Biirkel manche berühmte Wouvermnnnsche
Kompositivnen in den Gebirgsstil iibersetzt, ist geradezu bewunderungswiirdig. Denn
sein Vorbild etnnr gar direkt kopieren und anch Söldner des dreißigjührigen Krieges
malen zn wollen, nüe man es jetzt thut, fiel ihm bei seinem gesnnden malerischen
Jnstinkt nicht ein; er schildert wohlweislich nur, was er selbst gesehen und erlebt
hat, gibt niemals Kuust ans zweiter Hand. Dasselbe that er selbstverstündlich anch
mit der Landschaft, deren Darstellnng, besonders der unserer köstlichen Gebirgsdörfer,
er großerr Reiz abgewann nnd selbst hier die Feinheit seines Vorbildes oft nahezu
erreichte. Der Erfolg war denn auch ein ungeheurer, weil diese derb-humoristische
Auffassung ganz neu war, und alle Kabinette Enropas mußten bald ihren Bürkel
haben. Auch als er spüter infolge eines längeren Aufenthaltes seine Darsteüung
auf Jtalien übertrug und es eine Zeitlang fern von aller Sentimentalitüt und Ro-
mantik, mehr von der Spitzbuben-, Floh- und Wanzenseite aber überaus charak-
teristisch mit all' seinem malerischen Reiz schilderte, blieb er gleich originell. —
Denn seine Erfindnng war so unerschöpflich wie seine Arbeitskraft und er hat viele
hunderte von Bildern gemnlt im Laufe seines langen Lebens. Konnte er sich so
rühmen, eine neue Welt entdeckt nnd seiner Nation geschenkt zu haben, so fand er
selbstverstündlich bald Nachfolger und Mitstrebende in solcher Darstellung des
Volkslebens.

Der früheste derselben ist der Schwarzwülder I. B. Kirner (geb. zu Furt-
wangen 1806, gest. ebenda 1867). Erst an die Augsburger Kunstschnle, dann 1822
nach Miinchen an die Akademie gekommen, malte er einige religiöse Bilder dort,
wandte sich aber bald der Darstellnng des Bauernlebens seiner Heimat zu. Wührend
Bürkel bei seinen kleinen Figürchen die Charaktere nur derb, wenn auch treffend und
urwüchsig skizzieren konnte, ihm aber die eigentliche Schönheit des Bauernlebens wie
seine tiefgemütlichen Seiten noch ferner liegen, so suchte Kirner diese zu geben, wobei
er zugleich anch mehr auf Herausarbeitung von Einzelcharakteren ausging. So
überraschte er erst durch dem Volksdichter Hebel entnommene Schwarzwülderszenen

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