Pecht, Friedrich
Geschichte der Münchener Kunst im neunzehnten Jahrhundert — München, 1888

Seite: 251
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sondern auch speziell durch die liebevolle Treue auszeichnen, mit welcher er nach Art
des Memling jeden Grashalm behandelt und mitsprechen läßt. Das beste dieser
Bilder ist der Sonntagnachmittag in einem schwäbischen Dorfe, voll Poesie und
Heimatsinn, bei einer unendlich liebevollen Durchführung von allem und jedem. Es
ward bereits in Diisseldorf gemalt, wohin der Künstler schon 1866 übergesiedelt
war, nicht ohne Nachteil für seine spütere Prodnktion, der die rauhe, aber gesunde,
jeder Sentimentalität abgeneigte Münchener Atmosphäre viel besser bekommen war.

Ein echtes Kind der oberbayerischen Erde, also sehr viel weniger weich ist
Peter Baumgartner (geb. München 1834), der um 1858 in die Schule eintrat,
um sich da alsbald der humoristischen Darstellung zuzuwenden, wo er sehr glücklich
mit den sieben Schwaben auf der Hasenjagd debütierte, denen er dann noch mehrere
Szenen aus diesem Epos folgen ließ, um sich hierauf, nachdem er einen Don
Quichote verbrochen, ganz dem bayerischen Volksleben zuzuwenden, das er, die ersten
Schulbilder in der Soliditüt der Mache allerdings nie mehr erreichend, sondern
immer bunter und derber werdend, aber doch mit sehr gutem Humor und treffender
Charakteristik ausbeutete. So der erhörte Bittgang — wohl das beste — das ge-
störte Mittagmahl, der Weg zur Schnle, Prozession vom Regen überrascht, das
Brautexamen, die Pfarrersküche rc.

Jhm verwandt, nur liebenswürdiger, erscheint Adolf Eberle, Sohn des
Tiermalers (geb. 1843 zu München), der als einer der frühesten Schüler des
Meisters, zuerst mit der Pfändung einer Kuh derb und wahr debütierte, und sich
nach verschiedenen Versuchen schließlich ganz auf die bäuerliche Jdylle warf, diese
aber mit Gemüt und Humor, besonders in Kinderbildern, behandelte. Jn noch
größerem Maßstabe geschah dies durch Karl Raupp (geb. in Darmstadt 1837),
der erst Schüler Jak. Beckers in Frankfurt, 1858 zu Piloty kam und mit einer
Reihe trefflicher Jdyllen aus dem Bauernleben ein Aufsehen machte, das zu seiner
Berufung nach Nürnberg an die Kunstschnle führte. Seit einigen Jahren nach
München an die Akademie zurückberufen, machte er nun den Chiemsee zu seiner
Domäne und schilderte das Leben der dortigen Fischerbevölkernng in einer Reihe
durch ihr Naturgefühl, den Glanz der Landschaft, die Wahrheit der Charaktere
gleich anziehender Jdyllen, die stch immer auf oder am See bewegen und seinen
Rnf weit über Deutschland hinaus verbreitet haben. So die Heuernte, die kühne
Schisserin, das Abendläuten, die Rettnng u. a. Bei diesen fast immer an Ort und
Stelle gesehenen und geschöpften Bildern ist die Wahrheit so überzeugend und zugleich
so einfach und anspruchlos schön, daß viele derselben wahre Perlen genannt werden
müssen. Auch Joseph Wopfner (geb. 1843 zu Schwaz), hat den Chiemsee zu
seinem Hauptfeld gemacht. Erst Bäcker, war er 1860 nach München gekommen,
besuchte die Akademie und wurde später Schüler Pilotys. Bei ihm wiegt das
landschaftliche Stimmungsbild vor, und die Figuren bleiben mehr Staffage. Jndes
hat er neuerdings auch letzteren mehr Bedeutung gegeben, so in seinen ver-
folgten Wilderern.

Leistete die Schule auf diesem gesunden heimischen Boden früh bedeutendes,
so ist sie auf dem Felde, was sie vorzugsweise anbaute, dem historisch-romantischen,
im ganzen doch viel weniger glücklich gewesen. Obwohl sie auch da einen ent-
schiedenen Fortschritt gegen die ihr vorausgehende, durch Kaulbach, Foltz, Kreling
bestimmte Periode darstellt, da sie es doch zu wahrhaft lebendigen und glaubwür-

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