Im Kampf um die Kunst: die Antwort auf den Protest deutscher Künstler — München, 1911

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A uch ich betrachte Vinnens Broschüre als eine erlösende Tat!
Er hat durch seine Schrift bewirkt, dass all die Atelier-
und Kaffeehausschimpfereien über die Ausbeutung der armen
Künstler von seiten der bösen Kunsthändler, über die blöde
Gallomanie snobistischer Galeriedirektoren, die für unser gutes
deutsches Geld den französischen Abhub kaufen, über die
Schriftsteller, die statt der Herren Prof. Hinz oder Kunz Cezanne
und van Gogh als Genies ausposaunen, — dass alle diese
Redereien, die wir hier Jahr und Tag ruhig mit anhörten, endlich
vor aller Welt klipp und klar als völlig halt- und
grundlos erwiesen sind.

Über den ästhetischen Wert von Kunstwerken will ich mit
Herrn Vinnen nicht streiten, dass aber der Preis für Bilder
sich nach Angebot und Nachfrage richtet, dafür möchte ich
ihm zum Belege folgende Geschichte erzählen. Anfangs der
achtziger Jahre wurde der Maler Charles Frederic Ulrich von
München nach Amerika gesandt, um nachzuforschen, welche
Ursachen den rapiden Rückgang in der Ausfuhr Mün-
chener Bilder verschuldet hätten. Zurückgekehrt, berichtete
Ulrich, dass die Amerikaner, die nicht selten ihre Bilder, die
sie eben gekauft, wieder in öffentlichen Versteigerungen zu
versilbern wünschen, an deutschen Bildern ihr Geld verlören,
während sie für Bilder der Ecole de Barbizon oder der Im-
pressionisten das Doppelte oder Dreifache des gezahlten Preises
zurückerhielten.

Haben vor fast einem Menschenalter schon die ästhetischen
Snobs, gallomane Museumsdirektoren und gewissenloses, inter-
nationales Gesindel dahintergesteckt?

Oder dürfte man annehmen, dass auch die Qualität des Kunst-
werkes auf seinen materiellen Wert einen gewissen Einfluss hat ?

Berlin. Max Liebermann.
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