Im Kampf um die Kunst: die Antwort auf den Protest deutscher Künstler — München, 1911

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I.

Paul Cassirer, Berlin.

\fom Unwissenden Künstler

^\ie romantische Vorstellung vom Künstler, der doch ein
-■-'^ Mensch ist wie wir anderen alle, mit dem Bedürfnis nach
Luxus und Wohlleben, nach Sorgenfreiheit und all dem Schönen,
was der Besitz des Geldes gewährt, hat es wohl verschuldet,
dass Künstler über alles Mögliche nachdenken und über alles
Mögliche sprechen, nie aber über ihre ökonomische und soziale
Lage. Es sind einige Anzeichen vorhanden, dass jetzt eine
Änderung eintritt. Die Schriftsteller und Tonkünstler gründen
ökonomische Vereinigungen; die Schauspieler streben nach einer
Festigung ihrer sozialen Lage, aber bei den bildenden Künstlern
rührt sich noch nichts. Dann und wann ein Seufzer über die
Überproduktion, über die Unsicherheit des Einkommens, über
die Entfremdung zwischen Käufer und Künstler. Nirgends ein
Vorschlag zur Besserung. Ja, nirgends der Versuch, die materielle
Lage zu untersuchen. Die bildenden Künstler leben in einer
ganz seltsamen Unkenntnis ihrer eigenen Lage. Sie wissen nicht,
auf welche Weise sie ihre Produkte verkaufen sollen, sie haben
mit einem Wort keine Kenntnis von dem Handel mit Kunst-
werken. In den Köpfen der Meisten spuken ganz seltsame Ideen.
Sie begeistern sich für Einrichtungen, die ihnen schädlich sind,
und bekämpfen andere, die geeignet sind, ihnen zu helfen.

Ich glaube, es gibt keinen Stand, der sich so wenig um seine
Lage kümmert, wie die Maler. Sie begnügen sich mit Schimpfen,
statt nach dem Übel zu suchen, wenn ein Übel vorhanden ist.
Es dürfte von dem grössten Interesse auch für die Kunst sein,
eine genaue Vorstellung von den materiellen Bedingungen der
Künstler zu gewinnen. Kunst kann man nicht durch Phrasen
füttern, und Genies werden nicht von Zeitungsartikeln satt.


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