Raeder, Joachim; Museum August Kestner
Sammlungskataloge / Kestner-Museum, Hannover (Band 4): Die byzantinischen Münzen im Kestner-Museum Hannover — Hannover: Kestner-Museum, 1987

Page: 9
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/raeder1987/0012
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Geschichte und Geldwesen des byzantinischen Staates
Der byzantinische Staat ist aus dem christlich gewordenen östlichen Teil des Römischen Rei-
ches entstanden. Mit der von Constantin I. im Jahre 330 gegründeten Stadt Constantinopel als
Zentrum nahm dieser Staat in seiner einzigartigen Kontinuität die herausragende Stellung in der
spätantiken und mittelalterlichen Welt ein. Der orthodoxe Glaube und der Anspruch des byzanti-
nischen Kaisers auf die ihm als Erbe der römischen Imperatoren rechtmäßig zustehende Weltherr-
schaft waren bis zu seinem Untergang im Jahre 1453 die ideologischen Grundpfeiler dieses Reiches,
dessen Bewohner sich stets als Römer (Rhomaioi) bezeichneten. In einer fast nahtlosen Folge sind
die Bilder der byzantinischen Münzen vor allem Ausdruck des römischen Staatsgedankens und
des christlichen Glaubens im gesamten byzantinischen Kaiserreich.
Für den Numismatiker beginnt die byzantinische Geldgeschichte mit Anastasius I. (491-318), in
dessen Regierungszeit die grundlegende Reformierung des alten römischen Münzsystems fällt, das
bis dahin im oströmischen und weströmischen Reich (bis zu dessen Fall im Jahre 476) Gültigkeit
besaß.
Anastasius I. — Phocas (491-610)
In der ersten Hälfte des 6. Jhs. stand das byzantinische Reich in seiner größten Blüte. Die
Gesundung des Staatshaushaltes durch die kluge Finanzpolitik des Anastasius I. (491-318) versetzte
Justinian I. (327-363), mit dessen Namen weitgehend das »goldene Zeitalter« der byzantinischen
Kultur verbunden ist, in die Lage, auf dem militärischen Feld und im kulturellen Bereich die bishe-
rigen Grenzen und Formen zu überschreiten und gewaltig zu expandieren. Die Vernichtung des
Ostgotenreiches in Italien (333-333) und der Vandalen in Nordafrika (333/34) und die Rückerobe-
rung des südlichen Spanien bis zum Guadalquivir (331) sowie das Zurückdrängen der Perser aus
Kleinasien nährte für kurze Zeit die Hoffnung der Byzantiner auf Wiederherstellung des alten
römischen Weltreiches. Für den hohen Stand der byzantinischen Kunst und Kultur dieser Zeit
seien nur erwähnt der Kuppelbau der Hagia Sophia in Constantinopel und die Herausgabe des
Codex Justinianus sowie der Sammlung der Novellen und Digesten, die zusammen als Corpus
iuris civilis für den Staat eine dauerhafte und einheitliche Rechtsgrundlage darstellten. Mit dem
Tode Justinians endete die Blütezeit, denn schon 368 brachen die Langobarden in Italien ein, die
Perser drangen wieder nach Kleinasien vor, und seit 382 ging die größte Gefahr für Constantino-
pel von den Avaren und Slaven aus, deren Heeresmassen sich über den ganzen Balkan bis zur Pelo-
ponnes ergossen und schließlich die Hauptstadt selbst belagerten.

9
loading ...