Jacques Rosenthal <München> [Editor]
Handschriften und Frühdrucke in deutscher Sprache — München, 1929

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GELEITWORT

DAS vorliegende Heft entstand aus dem Verlangen des Unterzeichneten und
seiner Mitarbeiter, dem Senior des Antiquariats anläßlich seines 75. Geburtstages
einen kurzgefaßten Festkatalog zu überreichen. Gleichzeitig sollte damit dem Wunsche
des Gefeierten Rechnung getragen werden, eine Erinnerungsgabe zu besitzen, welche
er persönlich den Freunden des Hauses zu überlassen vermöchte. Die Wahl des Stoffes fiel
auf eine Reihe von Handschriften und Frühdrucken, welche nicht durch inhaltliche
Verknüpfung verbunden erscheinen, sondern ihre Bindung lediglich durch das Medium
der Sprache erhalten. Der Gedanke, spätmittelalterliche Zeugnisse des deutschen Schrift-
tums zu vereinen, schien reizvoll, da die Würdigung der Schrift- und Druckdenkmäler
von dieser Seite der Sprache her nicht immer eine hinreichende zu sein pflegt. Uber
den Fragen nach dem Alter und dem Herstellungsort, nach der künstlerischen Wichtig-
keit und dem technischen Vollender schwindet vielfach die Anteilnahme an der Sprache
als solcher. Uns aber will scheinen, als ob sich insbesondere illuminierte Handschriften
und illustrierte Frühdrucke deutscher Herkunft erst dann im schönsten Sinne voll-
kommen darbieten, wenn der Text in deutscher Sprache geschrieben ist. Das deutsche
Bild gehört zur entwickelten gotischen Schrift des Nordens, und wenn sich auch diese
Schrift der lateinischen Sprache gefügt hat, so bedeutet sie erst recht die sinngemäße
graphische Einkleidung des deutschen Wortes.

Die hier beschriebenen Handschriften und Drucke können keinerlei Anspruch darauf
machen, die Hauptdenkmäler des spätmittelalterlichen deutschen Schrifttums und der
deutschen Übersetzungsliteratur zu umfassen. Ihre Zusammenfügung ist zunächst eine
rein zufällige. Sie ergab sich aus den Beständen des Antiquariats, welche im Augen-
blick der Herstellung dieses Heftes zur Verfügung waren. Trotzdem bietet die Sammlung
als Ganzes eine Zusammenfassung der wichtigsten literarischen Ausdrucksformen des
deutschen Geisteslebens im ausgehenden Mittelalter. So scheiden sich unter den voran-
gestellten wenigen Handschriften literarisch wie gattungsmäßig des Rudolf von Ems
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