Dürer, Albrecht ; Rupprich, Hans [Editor]
Schriftlicher Nachlaß (3): Lehre von menschlicher Proportion: Entwürfe zur Vermessungsart der Exempada u. zur Bewegungslehre ; Reihschriftzyklen ; der Aesthetische Exkurs ; die Unterweisung der Messung ; Befestigungslehre ; Verschiedenes — Berlin, 1969

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B. a. VERMESSUNGSART DER EXEMPEDA

B. EIN ZWEITES VERFAHREN, DIE BILDER ZU MESSEN:
a. DIE VERMESSUNGSART DER EXEMPEDA. ENTWÜRFE
UND STUDIEN.
Im Lehrbuch der Malerei und zunächst auA in der daraus hervorgegangenen Lehre von menschlicher Pro-
portion wollte Dürer nur ein einziges Meßverfahren lehren: die Methode der aliquoten KörperbruAteile,
die er durch die Annahme bestimmter und für die Messungen in allen drei Dimensionen gleicher Ansatz-
punkte von 1507 bis etwa 1 $ 1 ß zu hoher Vollkommenheit gebracht hatte. Dieser in einem ersten Buch
vorgeführten Methode sollte 1512/1 ß (vgl. Bd. II Kap. III D Nr. 1) gleiA die Lehre von den Veränderun-
gen, d. h. das spätere dritte Buch folgen.
Im Verlaufe der weiteren Arbeit an der Lehre von mensAlicher Proportion ersAeinen jedoA in den
NaAlaßbeständen auA Studien und Niederschriften naA einer zweiten Vcrmessungsmcthode*: Ausführun-
gen über ein neues Meßinstrument und seine Einteilung, Vermessungen, ReinsAriften und ZeiAnungen von
Proportionsfiguren, alles naA einem Modulverfahren, das, entwicklungsgeschichtliA gesehen, die Mitte hält
zwisAen der Gepflogenheit, mit dem objektiven Maß zu messen und der Proportionsfestlegung mit aliquoten
KörperbruAteilen.
Im Abschnitt „Wy man den teiller soll fersten vnd prawAen" der Dresdener ReinsAriR des ersten BuAes
der Lehre von menschlicher Proportion (ißaß) sagt Dürer nach Erklärung seines Meßverfahrens mit Hilfe
des Teilers: er wolle, naAdem er diese eine Art zu messen gezeigt habe, auch noA mittels eines zweiten
Vorgehens lehren, die Maße zu bestimmen. Dürer beabsichtigte demnach, bereits in dem iß aß zur Druck-
legung gefertigten Manuskript beide Meßverfahren darzulegen. Als Werkzeug bei seinem zweiten Vorgehen
verwendet Dürer den „Meßstab". Dieser hat zwar die gleiche Funktion wie der „Teiler" im ersten Buch,
nur entspriAt er nicht der Gesamtlänge der Figur, sondern maAt jeweils bloß Vs der ganzen Höhe aus, ob
nun die Gestalt lang oder kurz ist. Dieses zweite Meßverfahren Dürers erhielt seine letzte Kodifikation für
die Dru&ausgabe der Lehre von mensAlicher Proportion ißa8.
Dort, im zweiten Buch, charakterisiert Dürer zunächst sein Instrument und unterteilt den Meßstab in 10
gleiAe Felder, deren eines er ein „zal" nennt; die „zal" teilt er abermals in 10 gleiAe Felder, deren eines
er ein „trümlein" nennt. Mit diesem Meßstab und seiner dezimalbruchähnliAen Einteilung ist es Dürer
mögliA, die gefundenen Maße in übersiditlichen Tabellen zu registrieren.
Dürer verzeiAnet „die leng, dicken vnnd breiten der mensAliAen eusserliAen gestalt der glidmas". Dies in
derselben Ordnung wie im ersten BuA, d. h. er gruppiert um drei senkrechte Linien in der Länge des Bildes
die Seiten-, die Vorder- und die Rückansicht. Sodann mißt er die Länge der Glieder von oben naA unten,
beginnend bei der Seitenansicht, und durAzieht die festgestellten Längen mit WaagreAten, erst in der
Seitenfigur und, so viele erforderlich, von dieser in die Vorder- und RückansiAt. Alle Längenmaße der
Glieder setzt er mit senkrechten Linien hinter (links neben) die SeitenansiAt. Die Dicken- und Breitenmaße
werden an die Waagrechten des Seiten- und Vorder- und Rückbildes gesArieben. Erst nachdem die Maße
festgestellt und verzeiAnet sind, zieht Dürer die äußeren Umrißlinien der Figuren.
Auf diese Weise bietet Dürer in Tabellen und Zeichnungen insgesamt die Maßverhältnisse von 8 Männern
und io Frauen, so zwar, daß dem dritten und siebenten Mann je zwei Frauen zugeteilt sind*:
1. „ein blo&eten man" und „ein gemeß weyb", d. s. ein Mann und eine Frau von etwas mehr als
7 Kopflängen.
1 In einer in den Jahren ißiß/19 entstandenen NiederschrifI (ßaßi, fol. 57^) unters&eidet Dürer zwisAen „messen mit
der Zahl" und „messen mit dem Maßstab".
2 Vgl. dazu J. Giesen, Dürers Proportionsstudien im Rahmen der allgemeinen Proportionsentwicklung (Bonn 1930;
ForsAungen zur KunstgeschiAte Westeuropas 8), S. <)ß ff.

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