Dürer, Albrecht ; Rupprich, Hans [Editor]
Schriftlicher Nachlaß (3): Lehre von menschlicher Proportion: Entwürfe zur Vermessungsart der Exempada u. zur Bewegungslehre ; Reihschriftzyklen ; der Aesthetische Exkurs ; die Unterweisung der Messung ; Befestigungslehre ; Verschiedenes — Berlin, 1969

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I. DIE LEHRE VON MENSCHLICHER PROPORTION

C. DIE BEWEGUNGSMOGLICHKEITEN DES MENSCHEN
UND IHRE BILDLICH-SCHEMATISCHE DARSTELLUNG.

a) ENTWÜRFE UND STUDIEN.
Nachdem der angehende Maier (in den ersten zwei BüAern) darüber UnterriAt empfing, wie die Bilder
gemacht werden, und (im dritten BuA) unterwiesen wurde, wie diese verändert und ins Gegenteil ver-
kehrt werden können, ist es daraufhin nötig (in einem vierten Buch), dem Künstler Kenntnis zu geben,
wie und wo man die gestre&ten Bilder biegen soll, um sie naA WunsA und MögliAkeit zu gebrauAen.
Vorangestelltes Ziel dieser Lehre vom Biegen ist die Gewinnung der riAtigen Gebärden für die bewegliAen
Teile des Körpers.
Wie die Glieder des Leibes wundervoll ineinander übergehen, können und sollen die Anatomen lehren.
Dürer will davon nur das unbedingt Erforderliche über die wesentlichen Biegungsstellen und Biegungs-
arten für die Seiten- und VorderansiAten der vorbesAriebenen Bilder sagen.
Bei der Notwendigkeit, „vndersAeidlich" (discernibile) und verständlich von solAem Biegen zu reden, ist
festzuhalten: Auf alles, was zum Biegen gehört, muß mit größtem Fleiß geaAtet werden, um damit ein
jedes Ding auch „ernstliA oder lieblich" stellen, d. h. ihm die gewünsAte Gebärde geben zu können. Zum
Ernsten muß man eine „gryme Stellung" verwenden, „zu der lieb" eine freundliAe. Insgesamt nennt Dürer
sechs „Unterscheid" (Genera) des Biegens, welAe alle mehr oder minder in einem Menschen getan werden,
je naAdem er sich bewegt. Mit ihnen kann der Maler seinen Bildern jede beliebige Ausdru&sstellung
maAen. Die sechs Biegungsarten sind für Männer, Frauen, Kinder, Pferde usw. verwendbar.
*
Dürer war in der Kunstliteratur niAt der erste, der sich mit der Lehre von den Bewegungen befaßte.
Voran gingen von den ihm bekannten Italienern Alberti und Leonardo. Der erstere handelte sowohl in
De Pictura wie in De Statua von den Bewegungen. Beide Schriften hat Dürer spätestens 1512/13 kennen-
gelernt. Und was Leonardo betriff!, so konnte Dürer aus dem Widmungsbrief der Divina proportione
(Venedig 1509) des Luca Pacioli an Herzog Ludovico Sforza, wenn er es niAt vorher schon aus anderer
Quelle wußte, auf literarischem Wege zumindest die Tatsache erfahren, daß Leonardo „das BuA über
Malerei und mens Ali Ae Bewegungen" bereits 1498 vollendet hatte*.
Da die Kenntnis der Ausführungen Albertis bei Dürer mit Sicherheit anzunehmen ist, sei im folgenden
darauf näher eingegangen.
In De Pictura handelt Alberti im II. BuA von den Bewegungen^. Er kommt zu dem Thema vom GesAichts-
bild aus, in dem jede Figur ihre besondere Haltung oder Stellung zeigen solle. Ein GeschiAtsbild wird
dann das Gemüt des Beschauers bewegen, wenn die vorgeführten MensAen selbst starke Gemütsbewegungen
zeigen werden. „Denn in der Natur — in welAer nichts mehr als das Ähnliche siA anzieht — Hegt es
begründet, daß wir weinen mit dem Weinenden, lachen mit dem Lachenden und trauern mit dem Traurigen.
Diese Gemütsbewegungen aber erkennt man aus den Körperbewegungen." Ein Betrübter, von Sorge
beklemmt und Gedanken belastet, steht da, beraubt aller Kraft und Empfindung, bleiA, in allen Gliedern,

* Ed. Winterberg, S. 33 und 181.
- Drei Bücher über die Malerei (Ed. Janitschek), S. 120 ff.

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