Ryss, Sonja
Maria Magdalena in der toskanischen Malerei des Trecento — Heidelberg, 1909

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1. Die Büsserin.
Wir beginnen mit demselben Werke, auf dem wir die
-erste zusammenhängende Legendendarstellung der Heiligen
fanden. Die Mitte dieses Gemäldes bildet, wie erwähnt, eine
grosse Einzelgestalt, die mit dem Kopf in den giebelförmigen
Abschluss der Tafel hineinragt. Eine noch primitive byzan-
tinisierende streng symmetrische Zeichnung der ovale aus-
druckslose, ganz en face gesehene Kopf mit den seltsamen
roten Eieckchen auf den Wangen, das straff anliegende ganz
als Gewand aufgefasste dunkelbraune Haar, das die breiten
plumpen Füsse freilässt und unten in regelmässigen Zipfeln
endet, all dies zeugt von dem Unvermögen des Künstlers
lebensvolle grosse Gestalten zu schaffen, obgleich ihm in den
kleinen Seitenbildern manche gute Szene gelungen ist. Auch
wie die Hände aus dem Haarmantel herausragen, wie die
segnende Beeilte die Handfläche nach aussen wendet und
die Finger spreizt zeigt altertümliche Befangenheit. Die
Linke hält eine aufgewickelte Schriftrolle, die der älteren
Kunst entnommen, später nicht mehr dargestellt wird.1)
Trotz der auffälligen Mängel ist das Bild von Bedeutung,
da es bereits den für die folgenden Jahrhunderte massgeben-
den Typus aufweist, wie es andrerseits an ältere Kunstwerke
sich anschliesst.
Ein viel erfreulicheres, von grossem Schönheitssinn ge-
tragenes Werk ist eine kleine Tavoletta der Pinakothek
Vanucci in Perugia, die von Venturi Cavalini zugeschrieben
wird und um die Wende des Jahrhunderts gemalt sein muss,
als die Kunst des Meisters auf dem Höhepunkt stand. Er
hat hier ein kleines Meisterwerk geschaffen, das es mit den
anmutigsten Bildern des Trecento aufnehmen kann. Auf
■einer kleinen, leider zum Teil zerstörten Holztafel, sehen
wir auf Goldgrund, auf den Seiten und oben von kleinen
Heiligengestalten umgeben, in der Mitte des Bildchens, grösser
als diese, Maria Magdalena. Das warme, bräunliche Inkarnat
des Gesichtes und der auf der Brust gefalteten Hände, das
1) Die Inschrift auf der Rolle lautet: Ne desfieretis-vos, qui peccare
soletis, exemploque meo vos praeparate Deo.
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