Ryss, Sonja
Maria Magdalena in der toskanischen Malerei des Trecento — Heidelberg, 1909

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Fünftes Kapitel.
Die Einzelgestalt.
Nachdem wir die Gestalt der Magdalena, soweit sie uns
als Glied verschiedener Gruppen entgegentritt, bis zum Aus-
gang des Trecento betrachtet haben, müssen wir nun ihre
Entwicklung, soweit sie als selbständige mit anderen Figuren
aus der Legende in keinem unmittelbaren Zusammenhänge
stehende Einzelfigur gebildet wird, ins Auge fassen.
Zwei Darstellungen laufen im Trecento nebeneinander
her: 1. Die Büsserin, die nur in ihr Haupthaar gekleidet,
in der Wüste lebt, fastet und betet, ein Typus, der schon
im frühen Mittelalter (z. B. Fresko in S. Zeno zu Verona)
gebildet, ins folgende Jahrhundert übergeht, dann aber unter
dem Einfluss der Plastik einen anderen Charakter gewinnt;
2. der viel häufigere andere Typus, der für das Trecento
eigentlich charakteristisch ist: die Gestalt einer blonden,
meist rot gekleideten Frau, die das Salbgefäss als ihr Em-
blem in den Händen hält und bald neben der Madonna, bald
allein auf Altarflügeln steht oder, im Trecento häufig auf
Predellen nachweisbar, kniet.
Diese beiden Darstellungsarten nehmen jede ihre eigene
Entwicklung. Aus der in ihr Haupthaar gehüllten meist
jugendlichen Büsserin des Trecento wird im Quattrocento
die asketische abgemagerte Frauengestalt, die wir oft als
Pendant zu Johannes dem Täufer sehen, und die blondhaarige
in ihr rotes Gewand gehüllte Magdalena legt ihren symbo-
lischen roten Mantel ab, um in den schönsten Zeittrachten
des 15. Jahrhunderts ihren Platz neben der Madonna ein-
zunehmen.
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