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Nahe dem Südwestrande des heutigen Athen, auf dem letzten merklicheren Ausläufer
der Berggruppe, an deren Fuss die Stadt sich anschmiegt, steht einsam der besterhaltene
Tempel der griechischen Welt. Einst stand er innerhalb der volkreichen Stadt, und nur
wenig erhob ihn seine natürliche Lage über ihren Lärm und Schmutz; wie hätte er sich
damals dem gewaltigeren und prächtigeren Parthenon vergleichen können, der in einem ge-
räumigen Bezirk hoch über der Stadt, umgeben von bescheideneren und doch auch schon
vornehmen Nachbarn, ein weithin sichtbares Wahrzeichen attischer Frömmigkeit und Kunst,
in die reinen Lüfte ragte. Auch als aus beiden die alten Götter entflohen, als in das Burg-
heiligtum die Mutter Gottes, in den Tempel der Unterstadt der heilige .Georg;* eingezogen
war, blieb der Rano-unterschied bestehen. Während aber dem Parthenon die eigene stolze
Pracht zum Schaden gereichte und ihn schliesslich der Vernichtung preisgab, kam sein be-
scheidener Altersgenosse mit geringen Verletzungen davon, und es fiel ihm endlich die
wichtige Rolle zu, als Ganzes, wenn auch im Kleinen, uns das Bild vor Augen zu führen,
das der verwüstete Parthenon nur aus Trümmern zu erschliessen erlaubt.

Als der Tempel dem christlichen Gottesdienst überwiesen wurde, hatte er einen Teil
seines Schmuckes wahrscheinlich schon eingebüsst: die Giebelgruppen, von denen auch nicht
ein Bröckchen sich erhalten hat, haben das Mittelalter schwerlich erlebt. Was damals an dem
übrigen, noch jetzt leidlich vollständigen Skulpturenschmuck gesündigt wurde, kann nicht der

1 Der Beiname dieses Heiligen begegnet uns in den verschiedenen Formen Akamatis (Pariser Anonymus, bei Wachsmuth,
Stadt Athen I S. 743, Kampuroglos, MvYj|isca xr/c; lozopLoic, t(5v 'A&yjvcucov I S. 95: eig tov &ytov TsdäpYiov xöv cbtafiGcxt. Yjtov tö
"/tspaji'.xdv %cd 6 vadg zoü 8rja£coc;), Akamas (Was. Greg. Warsky [1745 in Athen], bei Kampuroglos II S. 231: xcöpa xot,v;og övo[iä^stai
a^Log Tscöpytog 6 'Axdjiaf) und Akamatos (Bischof Ignatios von Nazianz [1772 in Athen], ebenda II S. 6: zö ©Yjastov §£w xrjc; TtöXswg
tptcwovxa §g icdovag [das ist richtig gezählt, da die Pronaossäulen nicht mehr standen] ytSpcoS-ev sy^cv, rjSv) 5£ eaxt vaög xoü 'Ayioy
FscopYtou 'A^anaxog Xsyöp,svo^); erklärt ist er, soviel ich weiss, nicht. Ich vermute, dass er ursprünglich, wer weiss warum und in
welcher Form, an den Eponymen der akamantischen Phyle, zu welcher der Kerameikos gehörte, erinnerte und erst durch Volks-
etymologie dem Worte cbtcejidtr/s, das die Lexika übereinstimmend als vulgäre Bezeichnung für „Faulenzer" geben, angeglichen, dann
aber von Gebildeteren wieder zu 'A^diia-tog und 'A%du.ac; umgeformt wurde. Krumbacher, dem ich diese Vermutung mitteilte, erwidert
mir, sie habe viel für sich und scheine ihm sprachlich sehr wohl möglich zu sein. Trifft sie das Richtige, so hat der Beiname nur
für Athen Bedeutung, indem er diesen h. Georg von anderen, dem Karystis (Aug. Mommsen, Athenae Christianae n. 152) und dem
auf dem Gipfel des Lykabettos unterscheidet. Die, wie ich aus Gregorovius, Gesch. d. Stadt Athen im Mittelalter I S. 334, Anm. 3
ersehe, von Michael Akorainatos erwähnte Abteikirche S. Georg im Kerameikos und die in dem päpstlichen Freibrief von 1209
genannte Georgskirche (ebenda im Text) können mit der in unserem Tempel eingerichteten identisch sein; doch ist darüber wohl
keine Sicherheit zu gewinnen, noch weniger auszumachen, ob wirklich die Kirche den Orthodoxen je von den Lateinern streitig
gemacht worden ist.

Sauer, Theseion. I
 
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