Sauer, Bruno
Das sogenannte Theseion und sein plastischer Schmuck — Leipzig, 1899

Seite: 89
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WESTGIEBEL: MITTELGRUPPE

auf ein Seetier, das im Begriff ist, in die Höhlung zu schlüpfen. Auch dieser kleine Zug
scheint mir nicht bedeutungslos: das Erscheinen des Hephaistos scheucht die Bewohner des
Meeres in ihre Schlupfwinkel.

Die vorläufig erst im Rohesten ermittelte Stellung von F giebt uns noch einmal
zu raten auf, denn sie ist nicht eindeutig. Die griechische Kunst, besonders die altertümliche,
aber selbst noch die entwickelte, verwendet bekanntlich fast dasselbe Schema, um Knien und
heftiges Laufen darzustellen1. War unser Hephaistos kniend gemeint, so bedarf das keiner
weiteren Erklärung: als Schutzsuchender konnte er diese zunächst nur durch die Raum Verhält-
nisse veranlasste Stellung recht gut annehmen. Aber ebenso gut, wenn nicht besser, passt in
die Situation der „Knielauf". Gerade die reifste Kunst hat uns einige Gestalten geschenkt,
die in einem besonderen, im Grunde aber doch noch dem alten, typischen Sinne dieses Schema
verwenden, den Perseus der athenischen Graienpyxis und den Jüngling von Subiaco2. Es ist
Kalkmann's unbestreitbares Verdienst, beide Schöpfungen in den richtigen typologischen Zu-
sammenhang eingereiht zu haben, was glücklicherweise die Frage nach der kunstgeschichtlichen
Stellung der Statue von Subiaco nicht berührt, über die Kalkmann nach meiner Meinung sich
gründlich täuscht. Mag man diese Statue verschieden erklären3, die Bewegung des Perseus
scheint mir von Böhlau und Kalkmann zweifellos richtig gedeutet: in heftigem Sprunglauf
erreicht er soeben den Boden. Unser Hephaistos konnte statt wirklich zu knien in derselben
Stellung erscheinen, und war dies der Fall, so musste man sich ihn plötzlich auf dem Boden
angelangt denken. Wo kam er aber dann her, und wie konnte er diese Stellung annehmen ?
Dass er von oben kam, dass also der Moment gemeint ist, der ihn vom Olymp herab vor
die Füsse der Thetis versetzt, kann man, unbeirrt durch die dicht über seinem Kopfe hin-
ziehende Giebelschräge, ohne viel Mühe sich vorstellen. Aber es war ja ein Sturz, der ihn in die
Tiefe führte; wie kann ein Stürzender im Moment des Aufpralls der Wucht seines Falles so
entgegenwirken, dass er, wie es das Knielaufschema hier verlangt, auf der Sohle des einen
und den Zehen des weit zurückgestreckten anderen Beines schwebend verharrt? Soviel ist
sofort klar, ein Sturz auf festen Boden, wie er in der lemnischen Version der Sage, eben zur
Motivierung der Lahmheit, berichtet wird, kann nicht gemeint sein. Aber die hier dargestellte
Sage weiss davon ja nichts; sie lässt Hephaistos in's Meer stürzen, also ohne Schaden davon-
kommen, und mochte er einfach in die Tiefe sinken, bis er vor der Wohnung der Thetis
ankam, oder aus eigener Kraft dahin streben, in einer Fallbewegung kann er im Moment
der Ankunft nicht begriffen sein: Eine gemässigte Bewegung, sei es ein einfaches Versinken
oder ein Schreiten, selbst Laufen durch die Wogen, nachklingen zu lassen, scheint mir das
Knielaufschema in der That recht geeignet, und da es vor dem wirklichen Knien den Vorzug
hat, einen bestimmten Moment zu fixieren und einen Schluss auf die vorhergehenden
zuzulassen, so vermute ich in unserer Giebelgruppe lieber dieses prägnante Motiv als das
viel allgemeinere des Kniens, das gar zu leicht lediglich als eine Konsequenz der Raumverhält-
nisse erscheinen würde.

1 Vgl. die gründlichen Darlegungen Kalkmann's Jahrb. d. Inst. X (1895) S. 56 ff.

2 Jene abgeb. Athen. Mitt. XI Taf. 10; vgl. Kalkmann a. a. O., wo der Perseus S. 59 wiederholt ist. Der Jüngling von
Subiaco Ant. Denkm. I Taf. 56. Brimn-Bruckmann 249. Jahrb. d. Inst. X Taf. I und S. 48.

3 Eine völlig überzeugende Erklärung ist bis jetzt nicht aufgestellt worden; am besten begründet ist die von de Ridder
(Rev. arch. 31 (1897) S. 284fr; hier S. 265 fr. auch eine sorgfältige Kritik aller älteren Deutungen), dass ein Ballspieler in dem Moment,
wo er den Ball auffängt, dargestellt sei.

Sauer, Theseion I 2
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