Schmidt, Richard
Fakire und Fakirtum im alten und modernen Indien: Yoga-Lehre und Yoga-Praxis nach den indischen Originalquellen — Berlin, 1908

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einer halben Dattel ohne weiteres zu verzehren, und versicherte
er, er könne ohne jeden Schaden das Doppelte tun, wenn ich mich
entschließen wolle ihm dergleichen zu geben, was er mit Dank
anerkennen werde. Unsere Unterhaltung hatte in seinem
nüchternen Zustande stattgefunden, und fürchte ich, daß er eine
halbe Stunde später einen weit weniger günstigen Eindruck auf
mich gemacht haben dürfte. Ich verhehlte ihm dies auch nicht,
doch erwiderte er, dies gehöre zu seinen Obliegenheiten, denen
er sich nicht entziehen könne, indem er dermalen selbst so weit
daran gewöhnt sei, daß er sich unwohl fühle, wenn er den Genuß
des Opiums unterließe.

2. Kapitel.

Berühmte Asketen.

Asketentum findet man in allen Religionssystemen als den
gebräuchlichsten Ausdruck der Selbsterniedrigung vor der Gott-
heit, um sie gnädig zu stimmen. Daher in Zeiten nationalen Un-
glücks die Erscheinung, daß allgemeine, im größten Maßstabe
unternommene Wallfahrten und Bittgänge stattfinden — man
denke an die mittelalterlichen Flagellanten —, die die Form der
Manie annehmen können. In Indien gilt den Theologen und
Philosophen Askese als ein Mittel, die Leidenschaften zu zügeln,
und dadurch die Erkenntnis Brahmans oder sonst eine Erkennt-
nis zu erlangen, die Erlösung vom Samsära, dem Geburtenkreis-
lauf, bringt, mag sie nun Nirväna, Vereinigung mit Brahman
oder wie immer heißen. Der Boden für derartige Anschauungen
war ja in Indien unter dem jahrhundertelangen Einfluß phy-
sischer, politischer und sozialer Verhältnisse aufs beste vorbereitet
worden: die große Masse des Volkes war untätig, Stagnation war
sein Los, so daß düstere religiöse Spekulationen und pessi-
mistische Anschauungen schnell Platz griffen. Uralt ist denn
auch in Indien neben dem Kastensystem die Einteilung der
Lebenszeit in die vier „Stadien" (äsrama), derzufolge der junge
Brahmane zunächst dem Studium obliegt, dann als Hausherr
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