Schmidt, Richard
Fakire und Fakirtum im alten und modernen Indien: Yoga-Lehre und Yoga-Praxis nach den indischen Originalquellen — Berlin, 1908

Page: 146
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V. Kapitel.

Die Philosophie des Yoga.

Rajendralala Mitra weist in der Vorrede zu seiner Über-
setzung der Lehrsätze des Patanjali (Yoga Aphorisms of Patan-
jali with the Commentary of Bhoja Räjä, Calcutta 1883) mit
Recht darauf hin, daß die pessimistischen Lehren eines Schopen-
hauer, eines Hartmann, so große Sensation sie auch in Europa
notwendig hervorrufen mußten, keinerlei Anspruch darauf er-
heben können, neu oder originell zu sein: die Lehre vom Bösen
ist ebenso alt als die Menschheit, und es würde weder Religion
noch Philosophie geben ohne die Furcht vor dem Bösen hier und
im sogenannten Jenseits, woraus sich mit Leichtigkeit die Ab-
kehr von den Freuden und Lüsten dieser Welt ergab: Askese
ist so alt als Zivilisation. Auch die Leugnung der Existenz
Gottes ist keineswegs neueren Datums, und was in dieser Hin-
sicht unsere berühmten Philosophen in der „Welt als Wille und
Vorstellung" und in der „Philosophie des Unbewußten" geboten
haben, ist im letzten Grunde weiter nichts als „Buddhism vul-
garised". Anderseits beruht die Lehre des erleuchteten Sakya-
Asketen, des Buddha, auf der von Kapila begründeten, d. h. in
ein System gebrachten Sämkhya-T?h\\os>o^hie, deren älteste Dar-
stellung nach Garbe wahrscheinlich erst dem fünften Jahrhundert
nach Christi Geburt angehört; nach der indischen Überlieferung
ist aber das Sämkhya-System. schon vor Buddha, also vor dem
fünften Jahrhundert v. Chr. bekannt gewesen und hat ihm als
Grundlage seiner Lehre gedient. Es kann hier die Frage un-
entschieden gelassen werden, resp. es ist wohl unmöglich, zur
Evidenz klarzulegen, ob Buddha sich bei dem Ausbau seiner
Lehre auf das Werk eines Mannes oder auf die Anschauungen
einer ganzen Schule stützte. Garbe hält an dem „exceptionellen
Charakter des Sänkhya" fest (Beiträge zur indischen Kultur-
geschichte, S. 75), während „die anderen Systeme indischer
Philosophie offenbar allmählich entstanden sind, d. h. ihre
wichtigsten Ideen schon längere Zeit in Umlauf waren, ehe sie
von den traditionellen Begründern der Systeme in die uns vor-
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