Schmidt, Richard
Fakire und Fakirtum im alten und modernen Indien: Yoga-Lehre und Yoga-Praxis nach den indischen Originalquellen — Berlin, 1908

Page: 162
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herausgebildet hat. Es ist eine der in Indien leider so beliebten
törichten Spielereien, wenn man das Wort hatha, was nichts
weiter als „gewaltsame Anstrengung" bedeutet, in mystischem
Sinne als „Ein- und Ausatmen" interpretiert, indem man das
Wort in ha und tha zerlegt und darin Bezeichnungen von „Sonne"
und „Mond" sieht, die ihrerseits wieder das Ein- und Ausatmen
bezeichnen sollen! Tatsächlich lehrt die Benennung Hathayoga
natürlich nur, daß es sich in der darin abgehandelten Praxis
besonders um das Anhalten des Atems zum Zwecke der Kon-
zentration handelt.

Über die Yoga-Praxis und über die dadurch zu erlangenden
Wunderkräfte wird weiter unten die Rede sein. Es muß hier
nur noch des großen Mißgriffes gedacht werden, den die Yoga-
Philosophie getan hat, indem sie den Gottesbegriff einfügte und
so ihre atheistische Vorlage in den Augen der großen Menge zu
heben suchte. Aber die Gottesidee in dem Zusammenhange ist
ebenso überflüssig wie störend. Gott hat mit der Entfaltung der
Urmaterie so wenig zu tun wie mit der Erlösung der Menschen;
alle Seelen sind genau so wie die „besondere Seele", wie „Gott",
anfanglos und ewig!

VI. Kapitel.

Yoga-Praxis.

Für die wunderliche Praxis des Yoga, der es übrigens
durchaus nicht etwa an Parallelen fehlt, müssen wir mit Fug und
Recht ihren Begründern die Verantwortung überlassen. Ich
will also an die Spitze dieses Abschnittes die Einleitungsstrophen
aus der Gherandasamhitä stellen, um dann die einzelnen „Teile
des Yoga" an der Hand der Texte durchzugehen.

i. Einst kamCandakäpäli zu Gheranda's Einsiedlerhütte, ver-
neigte sich demütig und voll Liebe vor Gheranda und fragte ihn:

2. „Herr des Yoga, ich wünschte jetzt den Ghatastha-Yoga,
die Ursache der Erkenntnis der Wahrheit, zu vernehmen. Ge-
bieter des Yoga, sage an, Herr!"
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