Spranger, Peter P.
Historische Untersuchungen zu den Sklavenfiguren des Plautus und Terenz — Wiesbaden: Steiner [in Komm.], [1961]

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II. Spiel und Wirklichkeit in der römischen Komödie

Die Frage nach der Wirklichkeitsnahe der römischen Komödie legt
zunächst die Frage nahe, wie es um den Wirklichkeitsbezug der griechi-
schen Vorbilder bestellt ist. Daß Menander, der wichtigste Vertreter der
Neuen Komödie, mit seinen Stoffen ins volle Menschenleben hineinge-
griffen hat und seine Werke das Alltagsleben der hellenistischen Zeit
widerspiegeln, hat schon Aristophanes von Byzanz betont, der mit feiner
Pointierung die Frage nach Wirkung und Rückwirkung von Dichtung
und Wahrheit stellte: ώ Μένανδρε καί βίε, πότερος άρ’ υμών πότερον
άπεμιμήσατο. L Diese Feststellung verdient schon deshalb Beachtung, weil
der Gelehrte beinahe ein Zeitgenosse Menanders war und nicht nur das
Gesamtwerk des Dichters überschaute, sondern auch das Leben einer
hellenistischen Großstadt kennen mußte. Wenn jedoch die Stücke Menan-
ders ein getreues Spiegelbild der geschichtlichen Wirklichkeit darstellen
sollen, so kann dies nur von den Verhältnissen in Athen gelten, und diese
hatten trotz der zunehmenden Nivellierung des hellenistischen Groß-
stadtlebens ihr eigenes Kolorit, das Aristophanes nicht aus eigener An-
schauung kannte. So gilt wohl die von ihm gerühmte Lebens Wahrheit
Menanders nicht so sehr den sachlichen Einzelzügen als vielmehr der
überlegenen, fein differenzierten Charakterzeichnung und der psycho-
logischen Wahrheit, mit der der Dichter die Handlungsweise seiner Per-
sonen motiviert hat. Ähnlich urteilte man schon im Altertum:
1 Bei Syrian. in Hermog. II 23, 8ff. Rabe; vgl. auch Gell. n. Att. 2, 23, 12: illud
Menandri de vita hominum media sumptum . . . ; vgl. L. A. Post, From Homer to
Menander, Berkeley —Los Angeles 1951, S. 214ff. Ähnlich lautet das Urteil vieler
modernen Forscher. Grundlegend: Ph. E. Legrand, Daos, Tableau de la Comedie
grecque pendant la periode dite nouvelle, Paris —Lyon 1910, S. 264ff. u. ö.; vgl. auch
H. Ahlers, Die Vertrautenrolle in der griechischen Tragödie, Diss. Gießen 1911,
S. 66; A. Körte, Hellenistische Dichtung (1925), S. 29; ders. in Sachs. Akad. d.
Wiss. Phil. — hist. Klasse, Berichte 89 (1937), S. 19f. 27; Μ. Rostovtzeff, a.O. I,
S. 127; G. Goldschmidt, Menander, die Komödien und Fragmente, Zürich 1949,
S. LX. Zu den Sklaven Menanders vgl. vor allem C. Langer, De servi persona apud
Menandrum, Diss. Bonn 1919, S. 41: ,,in fragmentis Menandreis nuper repertis
mores servorum maxima veritate et constantia descripti sunt.“

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