Stintzing, Johann August Roderich von
Geschichte der populären Literatur des römisch-kanonischen Rechts in Deutschland am Ende des fünfzehnten und im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts — Leipzig, 1867

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Flcisch nnd Blut ül'crqegangcn, so daß ivir sic auszuscheiden nickt mebr
im Ztandc waren. Nicht ader die ticfe Gclehrsamkeit der klassischen Philo-
lvgcn allcin hat diese tzrziehung vvllt'racht, welche sich auf die breitesten
.ldrcisc erstrccken mußre. Ihr Grund ward dadnrch geiegt, daß unsere wackern
Pädagogcn seit dem Schlusse dcs sünfzcbntcn Iahrhunderts und mit ihnen
unsere Reuchlin, Melanchthvn und Äutker ihre refvrmatvrische Thätigkeit
Vvr Allem den untercn Schichtcn, dcr Umgestaltung dcs Schulwesens zu-
wendeten. Für langc Zeit war dadurch der deutschen Philolvgie die Rich-
tung gegeben; und wahrcnd in Frankreicb das Studium des klassischen
Alterthums bis zu dcn Lcistungcn eincS Scaliger, Uasaubvnus und Sal-
masius empvrstieg, sehen wir das Bcstreben unserer deutschen Gelehrten im
W Ganzen auf die Hebung dcr latcinischcn Schulcn gcrichtet — aber auch be-
Wschränkt. Ein reines und tiefes Berständniß des klassischcn Altcrthums
D kvnnte dabci allerdings nicht gcdcihen. Allcin, waS man vvn ihm besaß,
!DaS ward um sv sichercr und inniger mit dem Geisteslcben des dcutschen
W Bvlks verwvben. Lange Zcit verging untcr dem Druckc kircblich-pvlitischer
Umwälzungcn und dcm Schrecken des grvßen Krieges mit scinen fast un-
hciibaren Nachwirkungcn, bis unsere Alterthumswissenschaft cinen höheren
Aufschwung nchmen kvnnte. Ais aber cndlich für sie die besscrenTage an-
brachen, da fand sie in unserem Vvlke den Schatz dcs Wissens treu bewahrt
und den Bvden bercitct, der nun in wcitcn Kreisen den edleren Saamcn
bvherer Bildung fruchtbringcnd in sich aufzunehmen vcrmvchte.

Achnlich ist dcr Gang dcr Rezeptivn deS li'inischen Rcchts gewescn.
Zwar zog die gelchrtc Iurisprudenz in sremdcn und deutschen Bertretern
aus den wäischen Landen zu unS hcrüber; abcr mit ihrcr erschöpften Krafl
Vermvchie sic cinc wissenschastliche Blüthc in Dcutschland nicht zu crzcugen.
Das füufzehnte und sechszehnte Iahrhundert Weist bei uns außer Zasius
kaum cinen Mann auf, dessen gclehrte Wirksamkcit das Mitteimaaß über-
Itiege: und auch diescr — wic wenig reicht scinc wissestschaftliche Bedeutung
an die Lcistungen cincs Alciat und Budeus hcran, wie weit ist sie vvn der
Größe cincs DvnelluS und llujaz entfernt. Das Verdienst unsercr gc-
lehrtcnIuristen liegt darin, daß sie als Lehrcr Derjcnigen wirkten, welchey
dcr Beruf zufiel, das römischc Rcchl im praktischen Leben zu vcrtrcten und
cinzubürgcrn. Mit dicser Aufgabe sehcn wir sie beschäftigt, dazu vvn einem
Uebermaaß praktischer Geschäfte ihre Thätigkeit in Anspruch genommcn,
und nur ein geringer Theil ihrcr Kraft ist den gelehrten Untersuchungcn
zugewendet.

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