Stintzing, Johann August Roderich von
Geschichte der populären Literatur des römisch-kanonischen Rechts in Deutschland am Ende des fünfzehnten und im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts — Leipzig, 1867

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dm Uebelstänkcn kes Alten, deren gewohnte Last dcr Urtheilslose leichter
rragen mag und lieber tragcn will, als die Gefahrcn des Ncuen auf sich zu
ncbmen. Man machte die Erfahrung, daß der Einfluß des gemeinen
Mannes in den Gerichten durch die Autoritäten eincs ihm unbekannten
Rechts paralysirt wurde; man war vor die Nothwendigkeit gestellt, sich zur
Acrtretung seines guten Rechts mit schweren Kosten eines gewerbsmäßigen
Prokurators zu bedienen, dem man das Schicksal seiner Sache anvertrauen
lußte, so gering auch sein Interesse an ihrem AuSgang sein mochte. Und
n'enn nun der Lauf der Prozeffe sich dchnte und vcrschleppte, und schließlich
eiue Entscheidung erging, welchc mit den überlieferten und von dcn Schöffen
siir Recht gehaltenen Ansichten im Widerspruch stand? Da ist eS nicht zum
Lerwundern, wcnn oft in Unmuth und Perdruß die ganze Neuerung mit
allen daran betheiligten Pcrsonen verwünscht wurde, und wenn sich der
Zorn gelegentlich in solchen Ausbrüchen Luft machte, wie uns von den
Schoffen zu sirauenseld im Thurgau berichtct wird, die einmal einen vootor
suri8 mit dcn Worten: „wir fragen nicht nach dem Bartele und Baldele
und anderen Doctoren", zur Thüre hinausgeworfen haben sollen* *).

Allein man wollc uns nicht die biederben Eidsgenossen im Thurgau
als die echten Lertreter des nationalcn Bewußtseins, nicht die Lerstim-
uingen über dic praktischcn Uebelstände der Neuerung als Regungen des
Nakionalgefühls, nicht dic Iuristen als entartete Söhne ihres Vaterlandes
schildern!

Wir dürfen überhaupt die hcutigen Lorstellungen des Nationalbe-
sußtseins auf das Mittelalter nicht übertragen Es erschien Dante
nicht wie eine Erniedrigung seineS Laterlandes, daß der dcutsche König als
römischer Kaiser das höchste Regiment sühren solle, sondern als eine heilige
md glückbringende Weltordnung, sür die cr energisch mit seinem Worte
eintrat. Und als im fünszehnten Iahrhundert die deutschen Patrioten mit
)ort und Schrift für die Ehre des dcutschen Wesens gegen den Uebermuth
ber wälschen Anmaaßungen kämpften, war unter ihnen der Besten einer
ebastian Brant ***), dcr cS nicht für einen Widerspruch hiclt, wenn

*) Ueber Liese oft crzählte Anekdote vgl. Zöpfl, RechtSgeschichte, S. 208.

") Vgl. darüber auch Stobbe, Rechtsquellen, Bd. 2 S. 39.

M "') Bgl. Stintzing, Zasius, S. 31 ff., ferner für die nächstfolgende Zeit Muther,
Ms dem Universitäts- und Gelehrtenleben, S. 77 ff. und derselbe, Zeitschr. f. Rcchtsge-
ßcbickte, Bd. 4 S. 42 l. Die Richtung Brants und seiner Zeitgenoffen ist treffend charak-
^criurt von Zarn cke, Seb. Brants Narrenschiff, Einleitung. Dgl. auch untc» S. 452 ff.
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