Stintzing, Johann August Roderich von
Geschichte der populären Literatur des römisch-kanonischen Rechts in Deutschland am Ende des fünfzehnten und im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts — Leipzig, 1867

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DaS Amk kcs Sckreibers ') vercinigte in sich die irunckienen cineS
Netars, Prvtokollfül'rcrs, Urkbeilsverfassers und Nechtsconsulentcn. Er
trat auch wohl als Beisitzer in tas Gericht ein, um tcn Richtern unt Scköffen
mit scincr Rechtskenntniß auszuhelfen. Das alte „ Gerichtsl'ücblein "
(s. untcn S-2l5 ff.) crklärt taher tas Wort „Affessor" in folsicnter Weisc:
„triner ter tei cincm Richter sitzet und ihn unterweisct, ob ter Richtcr
nictzt schriftwcis ift, ter bcißt ein Beisitzcr." Der Schrciber solltc ru
nächft tie entscheitenten Stellcn tcs Rcchtsbuä'eS vcrlescn"), wobei cs ur-
sprünglich keineSwegs, otcr toch nur subsitiär, auf römischcs Recht abgc-
sehen war. An tie Berlesung knüpfte sich tie Auslcgunc), unt an die Be-
iehrung überhaupt als natürliche Folge cin Ginfluß auf tie (fntschcitung,
welchcr in temselben Maaßc stcigen mußte, in welchem tas fremtc Recht
alS Rorm tcr Entschcitung zur Ancrkennung gclangte. Unt mehr nock
alS für tas matcrielle Recht, gilk ties für ten Prozeß, wcnn cr nach ten
römisch-kanonischen Formen gelcitet werten mußtc.

Die turchschnittliche Qualität tieser Schrcibcr unt ihr Wirken schiltcrt
uns in ciner ftvar stark auftragcntcn, abcr gewiß treffenten Weise Me-
lanckthon ""). „Ietzt," sagter, „richten tic Ungelehrten (iu<l«»c-ti kere),
tie, tamit sie nur ein wenig wissen, eincn von jencn gewöhnlichcn Ge-
schäftsleuten ()>rtiKmutiei) zu Rathe zichen, tie testo frcchcr unt ver-
worsencr sint, je wenigcr sie gelcrnt haben. Mit tcn Augen eines solchen
Menschen seben sic, mit seinen Dhrcn hören sic, was er faselt, tas be-
schließcn sie. Wie scin iicbes Bieh zicht jener Rechtsvertreher sic bci
ter Nase."

Bci tiescn ,.i>rtrKinatiei-< tcnkt ÜNelanchkhon übrigenS wohl nichk
bloß an tie angestellten „gemcinen Schreiber," sontcrn an tie juristischcn
Praktiker aller Art, wclche alS Atvokatcn unt Notarc eincn freicn
Erwerb betricben; unt untcr tiesen haben wir tic Mehrzalst unser Halbgc-
lehrten zu suchcn.

Schon ehe tas italienische Nvtariat sich einbürgerte, ist tas Schrciben

Dcr „gcmcinc, osfciic, offcnbarc Schrcibcr" der Städtc hieß spätcr >icrn „Son-
dicur", in Lltcrcr Zcit auck wobl wcgcn scincs gcistlickcn Standcs schlccktwcg dcr „Pfaff".
lloirioeeius, Iii8tvri»)uri8 p. 1036. Ucber dc» Geschäftskrcis der Ratbs- »nd Stadt
sckrcibcr vgl. dic Urkundcn übcr U. TcmiglcrS Anstcllung in Nördlingcn, mitcn S. 417 ff.

") Dader läßt sick Brant in scincr gcrcimtcn Borredc znin Laycnspicgel dcn Einwurf

mackcn I „Ilnd wär' genug mit folchem wesen

AinS kchreiberS, ter das Buch thät lesen."

'") fflelsnelitlivn, orutio cle Ißxstbus. IRI. Llutlier 1860. p. 21 t'.
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