Stintzing, Johann August Roderich von
Geschichte der populären Literatur des römisch-kanonischen Rechts in Deutschland am Ende des fünfzehnten und im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts — Leipzig, 1867

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XI.II

Äeht man auf dcn w is s c n s ch a ft l i ch c n G e li a l t dcr Mclirzahl
dicser Schriftcn, so bcgreift man sehr wohl dic Klagen cines Zasius und
Mclanchthon üder dic „Pest der verderbtcsten Schriftstellerei." Und
dicsc Porlvürfc sind um so mchr begründet, ais jene Schriften zum größtcn
Thcil noch in ciner unglaublich cvrrumpirten Form hcrausgegeben Ivurden.
Schon die Handschriftcn hattcn unter den Händen unvcrständiger Bearbeitcr
oder nachlässtgcr Abschreiber im Lause der Zeit vielfach Schaden gelittcn.
Dic Flüchtigkcit, mit Ivelcher man aus Sparsamkcit den Druck mcistens ver
anstaltcte, that das Uebrige, um Terte herzustellen, deren Fehlerhaftigkcit
und selbst Sinnlosigkeit uns unglaublich erscheint.

Allein die Zcit war im Ganzen durch Gewvhnung gegen solche Dingc
abgchärtet. Und wenn die gelehrten Herren gegen die populäre Literatur
übcrhaupt eiferten, so vcrgaßen sie, daß für die Krcise, wclche von dieser
gcnäbrt wurdcn, die massenhafte Gelehrsamkeit Ztalicns vollständig un-
brauchbar Ivar. Wollte man den Nachtheilen begegnen, so hättc man sür
die Berbcsserung jencr populären Schriften, für die Herstellung von Hülfs
mitteln sorgen müsscn, welche dem Bedürfnisse und der Fassungskraft
cntsprachen, ohne zugleich durch unklare und mißvcrständlichc Darstellung
und gehäufte Casuistik zu verwirren.

Wcnn nicht dic bedcutcndste Kraft unserer Nation durch andcrc
Intcreffen absorbirt wordcn wärc, so hättc viclleicht Deutschland schon vor
dcm Ende des fünfzehnten Iahrhunderts selber cinc juristischc Literatur er-
zeugt, welche in ähnlicherWeisc, wie spätcr diezahlreichen, auf humanistischc
und kirchliche Fragen bczüglichen populären Schriftcn, in die Anschauungen
ciner ncucn Zeit cinleiteten; oder für die Iurisprudenz wäre ein Brue-
ce>M>r (lsrmuiiiue aufgcstanden, der gleich Melanchthon mit seiner
Grammatik die Elemente ciner neucn, dem Geiste der Nation zu vcrmäh-
tenden Bildung unter dic Masse brachte. Allein die Berhältniffe waren
den fremden Rechten weniger günstig. Nicht nur, daß ihnen überhaupt
eine so tiefgreifende Bcdcutung sür dic sirtliche und intellcctuelle Bildung
der Nation nicht zukommt, ivie.M Gegenständcn, auf wclche dic Arbcit der
Reformatoren und HumanistcK"g*cxichtct war, und daß sie daher hinter dicse
zurücktreten mußten in dcr Bewegung der Zeit; sondcrn sie waren auch in
Demschland einc vcrhältuißmäßig viel ncuere Erscheinung, und hattcn noch
nicht, wie die Ucberlieferungen d^ klassischen Alterthums, bcrcits cinc, wcnn
auch verkümmerte, Geschichtc in Deutschland durchlcbt. Galt es bei diesen
vor all^^ingen untcr dcm wüsten Schutt dcr Zeitcn aufzuräumen; so

j.
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