Stuhlfauth, Georg ; Vigenère, Blaise de [Übers.]; Artus, Thomas [Übers.]
Die Bildnisse D. Martin Luthers im Tode — Weimar, 1927

Seite: 42
DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/stuhlfauth1927/0060
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
42

Die Bildmsse v. Marlin Luthers im Tode.

aus Halle nach Eisleben gerusene Meister Lucas Furtenagel am Sarge Luthers
gemalt habe. Alle anderen aber sind, gleich dem Stich mit der Unterschrift
„WtiZis^" usw., von dem einst der Direktor der Leipziger Universitätsbibliothek
Professor D. Christian Friedrich Boerner ein Exemplar besaß (Nr. 9)^), Kopien
nach jenem. Das Gemälde zn Dresden hat immer als Kopie gegolten^); seine
Übereinstimmung und also sein Zusammenhang mit dem Leipziger vom Jahre
1574 ist offenbar; es ist dessen treueste Replik; kaum ersichtlich strebt es über
letzteres hinaus, nicht allein im Format, sondern auch darin, daß es etwas mehr
von der linken Hand (die Fingeransätze, die dort fehlen) zeigt; außerdem ordnet
sein Maler die Falten am linken Kittelärmel etwas anders, und er macht die
Krause an Hals und Ärmeln etwas zierlicher: das alles, ohne an der Sache irgend
etwas zu verändern. Aber auch das Münchener Gemälde ist nur die korrekte
Kopie nach demselben Original. Daß auch hier die Krause zierlicher, das Kissen
etwas anders gelegt und daß ein doppelter Text auf die Tasel gekommen ist,
ändert daran nichts. Und mit dem Wittenberger Bild hat es schließlich dieselbe
Bewandtnis; es ist das jüngste, aber auch das geringste seiner Gruppe; was
es an Größe (Höhe) voraus hat, geht ihm an künstlerischem Werte reichlich ab;
es ist die schwächste Hand, die es geschaffen.

Wir wundern uns ob dieser starken Huldigung, die dem großen Leipziger
Gemälde in dieser vergleichsweise häufigen Kopierung innerhalb gewisser Frist
zuteil geworden ist; denn es muß ihr die Nachfrage nach Kopien in jenen Jahren,
in welche die Herstellung unserer Gemälde fällt (zwischen 1674 bis c. 1590)3),
zur Seite gegangen sein. Und überdies hat es auch noch durch den Stecher
seine Bervielfältigung für die weiteste Allgemeinheit gesunden. Aber aus dem
Stich erfahren wir auch den Grund für das hohe Ansehen, das es genoß; seine
Unterschrift spricht es deutlich aus: das große Leipziger Bild galt als der Cranachsche
„Archetypus" des Bildnisses von D. Luther im Tode, also, da Lucas Cranach
der Jüngere (der Nltere war 1653 gestorben) und seine vom Vater übernommene
Werkstatt sozusagen das Privileg auf das Lutherbild hatte, als das eigentlich
offizielle. Daher die mannigfachen Kopien gerade nach diesem Bild, das ohne
Zweifel aus Cranachs Werkstatt hervorgegangen ist. Aber das Urbild des
Eislebeners ist es nicht.

Einen zweiten Typus der Schaubettbildnisse vertritt die Tafel in der Ge-
mäldegalerie zu Karlsruhe (Nr. 7), die erst im 19. Jahrhundert von sich reden

1) Man möchte natürlich gerne wissen, ob nicht vielleicht gar das Boernersche und das Witten-
berger Exemplar auch materiell identisch sind.

2) Bgl. I. C. R(eimer), Historisch-critische Abhandlung über das Leben und die Kunstwerke
des . . . Lucas Cranach, Hamburg und Leipzig 1761, S. 60. Allerdings meint Reimer hier als
Vorlage des Dresdener Gemäldes nicht L H, sondern L 1, s. unten S. 49! Aber das ist schon darum
unmöglich, weil es sich auch in ihm, wie in dem größeren Leipziger, um ein Schaubettbildnis, nicht
um ein Sargbildnis handelt. Bgl. auch unten S. 48.

3) Mit dem Entstehungsjahr des Leipziger Bildes 1674 ist der 'lieiinmus s, guo sür die drei nach
ihm kopierten gegeben; so mag das Dresdener c. 1675, das Münchener c. 1676—1580, das Witten-
berger c. 1580—1690 gesetzt werden.
loading ...