Der Volksführer — 1848

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Baden halbjährlich fl. 2. 30 kr.
Für Anzeigen wird der Raum ei-
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Der Volksführer.

Bestellungen werden angenom-
men in Heidelberg in der G.
Mohr' schcn Vuchdruckerei, aus-
wärts, sowohl im Großerzogth.
Baden als außerhalb desselben,
bei allen Postämtern. — Briefe
werden franko erbeten.

M 1.

Heidelberg, Mittwoch 13. Dezember

1848.


Mitbürger!
In heutiger Zeit ist es ein Jeder sich selbst, seinen Kindern und dem Vaterlande schuldig, aus
allen Kräften mitzuhelfen, daß eine neue Ordnung der Dinge entstehe, bei der es dem Menschen wieder
wohl werden kann. Vor der sogenannten deutschen Revolution im März sah es nicht anders aus, als
wären die Bürger eines Staates nur darum auf der Welt, um den Männern der Regierung vom
Ersten bis zum Letzten mit ihrem Geld ein angenehmes Leben zu verschaffen und sich noch obendrein
in allen Stücken von ihnen bevormunden und unterdrücken zu lassen. Das Volk war so schwach, daß
es seine Diener, die von seinem eigenen Schweiße lebten, zu seinen Herren werden ließ; es bezahlte
selbst seine Unterdrückung. Nachdem im März unser Nachbarland seinen König verjagt und sich in eine
Republik verwandelt hatte, dachte auch bei uns ein Jeder, nun sei das Maß der Unterdrückung voll,
und die Revolution brach an allen Enden Deutschlands los. Die Könige wurden demüthig, die Mi-
nister wurden unterwürfig, die Beamten wurden höflich, und man sah fast keinen Polizeidiener und
Schandarmen mehr auf der Straße; Alle hatten erkannt, daß das Volk denn doch der Herr sei,
weil es die Macht besitze. Weil man aber das deutsche Volk kannte, weil man wußte, daß es ein
gutmüthiges Geschlecht sei, das einem Jeden vertraut, der ihm mit einer freundlichen Miene Etwas
verspricht, wenn er auch nicht im Entferntesten daran denkt, es zu halten, so richtete man sein Betragen
darnach ein: man gab dem Volke Versprechungen, und das Volk war zufrieden. Es schickte seine Män-
ner nach Frankfurt in' die Paulskirche und ließ diese schalten. Seitdem aber ist es anders geworden.
Die Fürsten haben sich von ihrem Schrecken erholt und die Minister haushalten nach wie vor. Es
wird jetzt eine andere Sprache mit dem Volk geführt, wie im März; die Könige, die damals vor dem
Volke zitterten und bebten, antworten jetzt mit Kanonen, wenn das Volk seine Freiheit und sein Recht will.
Woher kommt das?
Die Herrscher haben unser Geld, mit dem sie Wirtschaften, Wicks ihnen gefällt; sie haben unsere
Söhne, die im Nothfall ihre eigenen Väter, Mütter und Geschwister todtschießen; sie haben unsere
Thorheit, die ihnen Alles erlaubt. Mit diesen drei Dingen kann man die Welt beherrschen.
Aber es muß anders werden.
Wir wollen eine Regierung, aber eine wohlfeile; wo das Volk hungert, da brauchen seine Diener
kein Geld, um es zu verprassen. Wir wollen auch unsere Söhne hergeben; aber sie sollen dem Va-
terland dienen und unsere Freiheit beschützen.
Aber Eins wollen wir nicht: wir wollen keine Thoren mehr sein, die den Fuß küssen, der sich
auf unfern Nacken setzt. Mitbürger, deutsche Männer! Zum König von Preußen hat ein Abgeord-
neter gesagt: „Es ist das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen." Wir da-
gegen sagen Euch: „Es ist das Unglück des Volkes, wenn es die Wahrheit nicht hört und ausübt."
Und das ist unser Verbrechen, das wir an uns selbst und an unfern Kindern begangen haben. Wir
haben unsere Vernunft nicht gebraucht; wir haben uns die Wahrheit wegnehmen und uns vorlügen
lassen: es geben zwei Menschenklassen, von denen die eine von Gott geschaffen sei zu Kuechten, die
andere aber zu Herren. Wir können darum nicht anders sagen, als daß wir selber schuld sind an
unserm Unglück; aber wir wollen jetzt auch selber der Doktor sein, der uns errettet. Wir müssen die
Thorheit ablegen, auf welche Tyrannen ihre Throne bauen; wir müssen der Wahrheit unser Ohr öff-
nen. Dann werden wir wissen, was wir zu thun haben, und Andere werdend auch wissen. Dann wird

Probermrnmer.
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