Der Volksführer — 1848

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Erscheint tätlich, mit Ausnahme
Les Sonntags, und kostet bei den
Posten innerhalb Les Großh.
Baden halbjährlich fl. 2. 30 kr.
Für Anzeigen wird der Raum ei-
ner dreispaltigen Petitzeile mit
3 Kreuzer berechnet.

Der Volksfnhrer.

Bestellungen werden angenom«
men in Heidelberg in der G.
Mobr'schen Vuchdruckerei, aus-
wärts, sowohl im Großcrzogth,
Baden als außerhalb desselben,
bei allen Postämtern. — Briefe

Heidelberg, Mittwoch 20. Dezember

T.

1848.

Mitbürger!
Einige Freunde des Volkes und der Freiheit geben diese
neue Zeitung heraus. Wir werden Euch darin die Tages-
neuigkeiten "bringen, und werden Euch sagen, wie Ihr es
anzugreifen habt, um zu Euerm Ziel zu gelangen, nämlich
freie Bürger zu sein und zu blerben. Darum heißt das Blatt
„der Volksführer." Unser Grundsatz ist: Wohlstand, Bildung
und Freiheit für Alle. Wir werden gegen Alle sprechen, die
das Volk drücken und aussaugen, die es dumm und knechtisch
gesinnt machen wollen. Wenn wir deswegen gehaßt und
verfolgt werden, so sind wir stolz darauf; denn es geschieht
für das Volk, und es ist besser, daß Ein Mensch sterbe, als
daß das ganze Volk verderbe.
Wir empfehlen Euch also den Volksführer. Er wird
seinen Namen verdienen. Er wird ein gutes deutsch mit
Euch reden, das Ihr verstehen könnet, denn leider ist es
Mode geworden, daß auch die besten Zeitungen voll sind von
Fremtwörtern, die Einem nur den Sinn verwirren. Er wird
reden, wie ihm und Euch der Schnabel gewachsen ist. Dabei
ist er wohlfeil, damit er von Vielen gelesen werden kann.
Er erscheint 6 Mal in der Woche, und kostet bei der Post
nur 2 fl. 3V kr. halbjährlich, auswärts, in Würtemberg,
Baiern, Hessen re. etwas mehr, wegen dem dortigen Post-
aufschlag. Man kann den Volksführer bei jeder Post bestel-
len, in Heidelberg und Umgegend in der Buchdruckerei von
Georg Mohr.

Volkserleichterung.
Es ist traurig, zu sehen, wie ein Volk nach und nach
verarmt; wie der Mittelstand verschwindet, und es Kalo nur
noch zwei Klassen von Menschen gibt: Reiche und Arme.
Woher kommt dieses Nückwärtsgehen? Viele sagen, es komme
von der Genußsucht; weil Jeder mehr brauche, als er habe,
mehr genieße, als arbeite. Das ist wahr; aber nur halb. >
Denn woher kommt die Genußsucht und die Arbeitsscheu?
Jetzt kommen wir auf die richtige Antwort; sie lautet:
Von schlechter Regierung. Das ist der erste und letzte Grund.
Unsere Gottesgnadenregierungen glaubten, ein Recht von
Gott zu haben, das Volk zu beherrschen, zu unterdrücken und
auszusaugen. Sie glaubten, das Volk wäre da, um im
Schweiß seines Angesichtes nur für sie zu arbeiten. Darum
kam eine Steuer nach der anderen; denn täglich wurden
mehr Beamten, mehr Schandarmen, mehr Soldaten gemacht.
Und ein rechtschaffener Beamter braucht Etwas. Also hieß
es immer: „Den Beutel auf, Volk!"
Die Last wird jetzt unerträglich; aber sie ist noch nicht
das ärgste Verbrechen der Gottesgnadenwirthsckaft. Diese ver-
säumte noch dazu Alles, was sie sonst zur Hebung des ge-
meinen Mannes, zur Erleichterung des Verkehrs, zur Her-
beischaffung von Arbeit und Verdienst hätte thun können und
sollen; sie sorgte nur für sich; nur dafür, daß die Steuern
richtig eingingen, daß die Bürger ruhig waren, und die Herren
geehrt würden.
Sie bürdete neben den Steuern den Gemeinden noch
andere Lasten auf, die sie selbst hätte zum Theil allein, zum

Theil mit tragen sollen. Des Bezahlens ist kein Ende; die
Gemeindeumlagen fressen weg, was die Staatssteuern übrig
lassen.
Der gemeine Mann sieht, daß er in keiner Weise mehr
vorwärts kommen kann. Er legt die Hände in den Schoß;
denn er denkt: „Was brauche ich für Andere zu arbeiten,
und ich sott hungern?" Er verdient Nichts mehr; er kommt
in Gant; er wird ein Lump; er fällt der Gemeinde zur Last
mit seinen Kindern. Diese sehen das böse Beispiel; sie wer-
den nicht zu Arbeit und Gottesfurcht angehalten, und was
ist das Ende vom Liede? Es wächst der Gemeinde eine
Schaar von armen und lüderlichen Menschen an den Hals,
die sich, glei! viel, ob ehelich oder unehelich, sehr bald ver-
mehrt, und dadurch das Uebel immer größer macht.
Wer einmal arm ist, der wird nicht mehr wohlhabend.
Dafür sorgen die Gesetze, weil sie vorschreiben, daß der
Arme unterstützt wird, aber nicht, daß dem arbeitsfähigen
Armen Gelegenheit zur Arbeit gegeben wird.
Eine gute Regierung sorgt zuerst für eine Herabsetzun
der Steuern; und das ist möglich, denn die Schweiz und
Amerika werden fast ohne Steuern regiert. Dann sorgt sie
für eine gerechte Vertheilung der Steuern, damit nicht der
Mittelmann am Aergsten mitgenommen wird. Zuletzt sorgt
sie für eine sparsame Verwendung der Steuern, damit sie
füUs Volkswohl angewendet werden, und nicht, um ein Heer
von Beamten zu mästen.
Eine gute Regierung sorgt für die Verminderung der
Militärlast, weil dadurch Geld gespart und Arbeitskräfte ge-
wonnen werden. Eine gute Regierung ist ohne Soldaten
sicher; wenn der Feind kommt, so kann ihn ein wehrhaftiges
Volk zum Tempel hinaus jagen.
Eine gute Negierung errichtet vom Gelde des Volkes
Kaffen, welche dem Gewerbsmann und Bauer im Nothfall
zur Hilfe kommen, wenn sein Geschäft einmal stockt oder
ihn sonst ein Unglück trifft. Denn Viele gehen nur zu Grund,
weil sie einmal in NoLh gekommen, aus der sie sich nicht
mehr heraushelfen können, weil sie ihr Werkzeug oder ihr
letztes Aeckerlein verkaufen müssen.
Eine gute Negierung läßt Keinen, der ohne Vermögen
oder Gewerb ist, heirathen, ohne daß sie ibm auflegt, von
seiner Hände Arbeit jährlich Etwas zurückzulegen in eine
öffentliche Kasse, aus der es mit der Zeit seinen Kindern zu
Gut kommt. Wenn der Mann weiß, daß er in Noch un-
terstützt wird, Laß er für seine Kinder arbeitet, so kommt er
in die Höhe.
Eine gute Negierung sorgt für die arbeitsfähigen Armen,
so daß ihnen Gelegenheit zur Arbeit gegeben wird. Das
kann überall geschehen; und wer dann nicht arbeiten will,
der soll verhungern.
Eine gute Negierung überläßt die Unterstützung der
arbeitsunfähigen Armen nicht den Gemeinden allein; sondern
sie übernimmt einen großen Theil.
Eine gute Regierung sorgt dafür, daß die Auswande-
rung geregelt wirs, und daß arme Auswanderer unterstützt
werben, damit diese nicht, wenn sie über das Meer kommen,
den Betrügern in die Hände fallen, und zuletzt dem Elend.
Wenn das Geld des Volkes dazu angewendet wird, dann
ist es recht angewrndet.

Zweite Probenrrmmer.
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