Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 14.1897

Seite: 2396
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— 2396

der Zigeunerin eingehend; er bot ihr den Arm
und führte sie in eine Nische des Saales. Dort
ließen sie sich nieder.

„So lasse mich die Linien Deines Lebens
erforschen", sagte jetzt die Zigeunerin mit
dramatischer Feierlichkeit.

Sie studirte scheinbar ernst und gründlich
die ihr dargebotene Hand,

„Pascha, Pascha!" rief sie dann im Ton
einer Seherin. „Dir steht Unheil bevor."

Der Strumpfpascha lachte. „Welches Unheil,
schöne Maske?" fragte er neckend.

„Schreckliches", fuhr die Zigeunerin ernst
fort, und geheimnißvoll flüsterte sie ihm zu:
„Eine Haremsrevolution!"

„Das verstehe ich nicht", sagte Pascha
Schneider verdutzt.

„So will ich Dir's in prosaischem Deutsch
sagen,dummer Türke", antwortete die Zigeunerin.
„Du liebst es, Deine Fabrik als einen Harem
anzusehen, obgleich die Insassen gar nicht damit'
einverstanden sind, schon weil Du ihnen nicht
schön genug bist. Also die Haremsrevolution —
das bedeutet einen Arbeiterinnenstreik."

„Unsinn", rief der Pascha-Fabrikant, aus
der Rolle fallend, „wie kommen Sie auf eine
solche tolle Idee?"

„Weil ich vermöge meiner geheimuißvolleu
Kunst in die Zukunft schauen kann", erwiderte
die Zigeunerin feierlich.

„Ja so", lachte Pascha Schneider, sich be-
sinnend, „das hast Du gut gemacht. Du braunes
Kind des Ostens. Und da Du Alles so gut
voraussiehst, sage mir auch, wer die Harems-
revolution anstiften wird."

„Will ich Dir sagen", war die Antwort,
„Du kennst doch die Rosel?"

„Die — Rosel?" fragte Schneider, unruhig
werdend.

„Nun ja, die Rosel. Du siehst, ich weis;
und erforsche Alles. Du hast der Rosel wunder-
bare Dinge versprochen, seidene Kleider, Arm-
bänder und so weiter, wenn sie — nun, wenn
sie Deine edle Deukerglatze schön finden würde.
Die Rosel aber will gar nichts von Dir haben,
sie meint, wenn Du ihr und ihren Kolleginnen
leidlich anständige Löhne zahltest, wäre Dein
Geld besser angewandt. Deshalb macht sie Dir
nächstens eine Palastrevolution, oder — wenn
Du das lieber hörst, einen Streik."

Der Pascha war blaß geworden, so daß sich
seine künstliche rothe Nase überaus komisch aus
seinem verdutzten Gesicht abhob.

„Woher weißt Du das Alles?" stotterte er.

„Vermöge meiner geheimuißvolleu Kunst",
war wiederum die mystische Antwort.

„Und wer bist Du?"

„Ein braunes Kind des Ostens. Niemand
kennt meine Heimathsstätte."

Damit erhob sich die Zigeunerin, grüßte
mit einer graziösen Bewegung und war im Nu
im Maskengewühl verschwunden.

Der Pascha schaute ihr verwundert nach.
„Ich muß wissen, wer sie ist", sagte er sich.
Aber wie er auch suchte und fragte — überall
hatte man die Zigeunerin gesehen, hier und da
besprach man noch ihre schlagfertigen Bemer-
kungen, oder rieth, wer sie wohl sein möge,
iudeß, zu finden war sie nicht mehr.

Als nach der Demaskirung die Gesellschaft
sich an der Tafel vereinigte, konnte sich der
Strumpfpascha Schneider endgiltig überzeugen,
daß er die schöne Zigeunerin nicht mehr zu
Gesicht bekommen werde, und das stimmte ihn
sehr verdrießlich, denn er hätte sie in Betreff
ihrer Enthüllungen gern um Diskretion gebeten.
Er sagte sich: die Zigeunerin muß eine Dame
der Gesellschaft gewesen sein, denn fremde
Personen hatten keinen Zutritt; wenn aber in
der Gesellschaft solche Indiskretionen über ihn

zirkulirten, dann würde auch seine Gattin bald
genug davou erfahren und er hatte sich auf
schlimme häusliche Szenen gefaßt zu machen.
Diese Erwägungen verbitterten dem Pascha die
ganze Maskeufreude und er suchte selbst beim
Weine vergeblich Trost.

Am anderen Morgen faßte er einen kühnen
Entschluß. Er wollte die Rosel direkt ver-
nehmen, um der geheimnißvollen „Zigeunerin"
auf die Spur zu kommen. Rosel wurde ins
Koinptoir berufen; sie trat unbefangen ein --
und der Neid mußte es ihr lassen, sie war ein

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hübsches, schlankes Ding, mit schwarzem Haar
und dunklen, schelmisch blickenden Augen.

„Was befehlen Herr Schneider?"

Der Fabrikant schlug einen väterlichen Ton
au. Er habe sich für sie interessirt, weil sie
fleißig und brav sei; er habe ihr ein besseres
Loos zugedacht, seine Güte sei aber wohl miß-
verstanden worden, denn sie habe ihn ins Gerede
gebracht, und er fordere nun Aufklärung, zu
wem sie über versprochene Geschenke und so
weiter sich geäußert habe.

„Zu keiner Menschenseele", betheuerte Rosel.

Herr Schneider erwiderte, daß ihm diese
Dinge direkt zu Ohren gebracht worden seien
und noch Anderes dazu, was die Rosel in sehr
gefährlichem Lichte erscheinen lasse.

„Etwa, daß ich einen Streik anzetteln will?"
fragte Rosel naiv.

Der Fabrikant stutzte. „Woher wissen Sie
denn das?"

Da fiel Rosel in einen Ton, den Schneider
von gestern Abend nur zu gut kannte, und sprach:

„Vermöge meiner geheimnißvollen Kunst...."

Schneider prallte zurück. „Da hört doch Alles
auf! Sie — Sie sind die verwünschte Zigeunerin
— wie ist das möglich? Wie konnten Sie sich
eindrängen in eine so exklusive Gesellschaft. ..
und doch — bin ich denn blind gewesen, daß
ich Sie nicht erkannte?"

Rosel erklärte ihre Anwesenheit beim Balle
wieder mit der „geheimnißvollen Kunst" der
Zigeuner. Daß ihre Mutter Garderobefrau im
„Römischen Kaiser" war und daß sie, weil
zeitweilig mit in der Garderobe beschäftigt,
leicht in den Saal gelangen konnte, verschwieg
sie wohlweislich.

„Demnach ist also auch die Geschichte vom
Streik nur ein toller Scherz?" fragte er
schließlich.

Rosel verneinte und setzte mit ernster Miene
auseinander, daß die Arbeiterinnen allerdings
eine Lohnerhöhung sehr nöthig brauchten. „Aber
zum Streik wird es deshalb nicht kommen",
fügte sie, wieder mit einem Anflug von Schel-
merei, hinzu, „denn ein Mann wie Sie, der
es so gut mit den Arbeiterinnen meint und

sich für das weibliche Geschlecht so liebe-
voll interessirt, der wird gewiß eine so
berechtigte Forderung nicht abschlagen."
Schneider zog ein wunderliches Gesicht
und wollte wieder väterlich werden. Aber
die Rosel war gar kein liebenswürdiges
Kind, sie sah eher aus, als ob sie kratzen
und beißen wollte. Und als sie dem Fabri-
kanten andeutete, daß bei strikter Ablehnung
seinerseits man die Hilfe der „gnädigen Frau"
in Anspruch nehmen würde, bei welcher Ge-
legenheit allerlei zur Sprache gebracht werden
dürfte, — da machte Pascha Schneider ein
wahres Schafsgesicht und versprach ohne
Weiteres die Lohnerhöhung.

Die Rosel hatte es „vermöge ihrer geheim-
nißvollen Kunst" durchgesetzt. M

Literarisches.

Bekanntlich ist vor Kurzem ein „Rat hg eher
für Offiziersburschen, Nachschlagebuch für
alle int Dienst des Offiziersburschen vorkommen-
dcn Verrichtungen", erschienen. Das Buch sollte
u. A. folgende Winke enthalten:

„Geht der Herr Lieutenant in Gesellschaft uoit
Zivil, so ist der Säbel ordentlich zu schleifen, da-
mit das Niederstechen renitenter Zivilisten keine
Mühe verursacht."

„Erscheinen Schuster und Schneider, welche
vom Herrn Lieutenant Geld haben wollen, so hat
sie der Offiziersbursche die Treppe hinunter ztt
werfen, bevor es ihnen gelungen ist, den Herrn
mit ihren Zumuthungen ztt belästigen."

„Reiche Schwiegerväter und Geldverleiher sind
mit Höflichkeit zu behandeln, — die Geldverleiher
aber nur so lange, bis sie Geld hergeben; später
sind sie hinaus zu werfen."

„Sitzt der Herr Lieutenant wegen Duell auf
der Festung, so ist seine Wohnung in Erwartung
der voraussichtlichen Bcgnadigttng jeden Augen-
blick für die Rückkehr des Herrn in Bereitschaft
zu halten."

Die preußischen Farben.

„Ich bin ein Preuße, kennt Ihr meine
Farben?" sang der Rekrut, da hatte ihn sein
Korporal braun und blau geschlagen.

Verantwortlich für die Redaktion Georg Baßler in Stuttgart. — Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.
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