Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 14.1897

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—Der Lulmnft ijnlönc Egge. <4*-

Wir sind itocb arm und sind nickt trei
And sind noch nickt errettet,

And teiern dock den ersten /Dal,

Als wären wir entkettet.

Mir sind nock arm und sind nickt frei —
Mas feiern wir den ersten /Dal?

Mir feiern nickt am ersten /Dal
Lrlnn'rnng alter Sagen;

Ikein Sagenkeld scklng nock entzwei
Die Iknecktscbatt unsrer Plagen.

Mir sind nock nickt von Ikrnccktscbatt frei
Mas feiern wir den ersten /Dal?

Mir feiern nickt am ersten /Dal
Lin blutig Völkermorden;

Den Ikrieg ersckut die Tyrannei
Als tbren Tempelorden.

Mir sind nock nickt vom 'lkrtege frei
Mas feiern wir den ersten /Dal?

Mir feiern nickt am ersten /Dal
Den Glanz verscbwundner Tage;
vergangenbett war keine Fei
Für uns und unsre Iklage.

Ls gab nock keine Leit uns frei —
Mas feiern wir den ersten /Dal?

Mir feiern nickt am ersten /Dal
Der Gegenwart Verwirrung;

Die Gegenwart macbt uns nickt frei,
Sie folgt nock Goldes Ikirrung.

Mir sind nock nickt vom Golde frei
Mas feiern wir den ersten /ßai?

Mir feiern nickt am ersten /Dal,
Mas ist und was gewesen;

Mir macken nickt das Alte neu,
Mir schaffen neues Mesen.

Mir waren und wir sind nickt frei
And feiern dock den ersten /Dal.

Mir feiern trok am ersten /Dal
Der Lukuntt goldne Tage,

Die Tage, die für alle frei
Von LIend» lkotb und Plage;

Die Lukuntt gross und scbön und frei —

Die feiern wir am ersten /Dal. Robert snM.

Die Weltmacht.

^Äir sind eine Weltmacht, natürlich!
Das ist jedes Zweifels bar;

Wir sind es nicht blas figürlich.

Wir find's in der Praxis sogar.

Hat sich in verwickelte Lagen
verrannt ein exotischer Staat,

Da muß in Berlin er erst fragen.

Wie er zu verhalten sich hat.

So oft sich mit Albions Söhne»

Der Vnkel Rrüger entzweit.

Wird stark unser Machtwort ertönen.
Und gleich ist geschlichtet der Streit.
Wenn Abessiniens Aönig
Umbertos Uolonnen besiegt,

Erhebt unsre Tröstung nicht wenig
Die Armee, die Prügel gekriegt.

Nur Lines, das ist sehr betrübend.
Das ist unser Mißgeschick:

Der Reichstag, im Sparen sich übend,
versteht nichts von Weltpolilik.

Ihm ist das Berständniß entwichen
§ür unsere Gloria
Lr hat ein paar Ureuzer gestrichen
von tzollmanns Narine-Ltat.

Wie sollen wir glorreich bestehen
Bei solch' einer Rreuzernoth?

Ls wär' um die Wirkung geschehen
von unserem Nachtgebot!

Auch ginge bei Türken und Mohren,

Thinesen und Lskimos

Das deutsche Ansehn verloren.

Sofern unsre gtottc nicht groß.

Wir müssen die Weltmacht besitzen,

Ls muß zu jeder Stund'

Den Deutschen im Aus lande schützen
Der große Berliner Mund.

Dann wird er auch empfinden
Den Patriotismus warm —

Dafür daheim darf schinden
Den Deutschen ein jeder Gendarm.

Revolutionäre Anzeichen.

Als der erste Mai zum ersten Male als
Wellfeiertag begangen werden sollte, da herrschten
im Spießbürgerthum allerlei unklare Besorgnisse;
es wurde gemunkelt von revolutionären Gefahren,
welche dieser Tag möglicheriveise mit sich bringen
könnte.

Inzwischen haben sich diese Besorgnisse als
völlig grundlos erwiesen, denn der Verlauf der
bisherigen Maiseste hat gezeigt, daß der Feiertag
des Proletariats eine Friedenskundgebung so glän-
zender Art ist, wie sie die von Nationalhaß
korrumpirten herrschenden Klassen und Parteien
niemals zu Stande brachten oder bringen werden.

Wenn aber von der Seite des Proletariats
keine Gefahr droht, so treten die Anzeichen revo-
lutionärer Umsturzbestrebnngen anderwärts um
so deutlicher zu Tage. Es sind gerade die herrschen-
den und besitzenden Kreise, die sich mit revolutio-
nären Gedanken in überraschender Weise vertraut
geniacht haben. So lief vor Kurzem in Berlin
der bekannte „König Stumm" herum, welcher für
den „Kladderadatsch" Propaganda machte, wobei zu
bemerken ist, daß man unter „Kladderadatsch"
den Umsturz von oben versteht. Schon diese
Bezeichnung läßt erkennen, von welcher Seite
man den Umsturz erwartet; würde man ihn von
unten, d. h. vom Proletariat erwarten, so hieße
er ganz einfach „Der wahre Jacob".

Es ist auch nicht verborgen geblieben, was
König Stumm mit seinen Drohungen treffen

ivollte. Er zielte auf die höchsten Würdenträger
des Staates, auf die Minister!

Ein Minister im Deutschen Reiche führt ohne-
dies ein so unsicheres Dasein, daß es ihm kaum
möglich ist, vor den Augen der großen Menge
zu Würde und Ansehen zu kommen. Jeden
Augenblick kann an den ahnungslosen Minister
der Lukanus herantreten, und um ihn ist's ge-
schehen. Das ist ein revolutionärer Zustand, der
selbst unter der Schreckensherrschaft Robespierres
nicht seines Gleichen fand.

Und diese Unsicherheit des einzelnen Ministers
möchte der Kladderadatsch-König verallgemeinern
für das ganze Ministerium. Die ganze hohe
Staatsleitung soll seiner Ansicht nach
über Nacht beseitigt werden können! Das
hat noch kein Anarchist verlangt; zu einer so
radikalen Forderung konnte sich nur der Herr
von Saarabien aufschwingen. Wenn das der alte
Blanqui noch erlebt hätte! Der wilde französische
Kommunist mit deni Wahlspruch: „Kein Gott,
kein Herr!" — er wäre dein König Stumni
gerührt um beit Hals gefallen und hätte ihn
Bruder genannt.

Obendrein ist es der König Stumm nicht
allein, der sich revolutionär gcberdet. llebcrall
melden sich solche Anzeichen. Im hohen Bundes-
rath giebt man dem Reichstag durch die Diüteu-
veriveigerung das böse Beispiel der Budget-
verweigerung. Der alte Bismarck hetzt gegen
jeden amtirenden Reichskanzler; Admiral Holl-
mann treibt auf eigene Faust Mariucpolitik;
Junker und Agrarier erstreben den Umsturz des
allgemeinen Wahlrechts, — kurz, es geht drunter
und drüber in den oberen Kreisen, und wenn
nicht die Sozialdemokratie wäre, die friedlich ihr
Maifest feiert, dann könnte man an der staat-
lichen Ordnung im Deutschen Reiche bald ver-
zweifeln.
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