Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 14.1897

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Berlin zurücklassen. Zunächst wendete er sich
nach Sorau, dann nach Görlitz; doch dem ans-
gewiesenen Arbeiter blieben die Thüren einer
Arbeitsstätte verschlossen. Entbehrungen über
Entbehrungen wurden ihm nun zu Theil; von
Ort zu Ort gehetzt, ohne genügende Unterhalts-
Mittel bot sein nicht allzu kräftiger Körper
den Anstecknngskeimen keinen Widerstand, die
Schwindsucht nistete sich damals in seine Lungen
ein. In Chemnitz fand er schließlich Arbeit,
und sofort stellte er sich wieder als eifriger
Agitator der Partei zur Verfügung, immer
seine eigene Existenz aufs Spiel setzend und
ohne irgend welche Ansprüche auf Entschädi-
gung bei den Parteigenossen zu erheben. Doch
auf die Dauer war auch dort sein Bleiben
nicht, und als 1888 in Königsberg i. Pr. Godau,
der die dortige Partei organisirt hatte, eben-
falls an der Proletarierkrankheit starb, wanderte
Schnitze nach dieser Stadt, um die Leitung zu
übernehmen. Erst eröffnete er ein Zigarren-
geschäft, dann eine Restauration. In dieser
Lebensstellung wurde Schultze der Mittelpunkt
der ostpreußischen Bewegung und rastlos war
er thätig, um den doppelt und dreifach ge-
knechteten ostelbischen Landarbeitern Aufklärung
und dadurch Hilfe zu schaffen. Nicht nur in
der Stadt, nein, ganz besonders auf dem Lande
agitirte und organisirte er; — und weil es von
Herzen kam, was da der schlichte Arbeiter den
Leidensgefährten erzählte, so ging es auch zu
Herzen; die Anhängerschaar unserer Partei
wuchs, Königsberg wurde 1890 bei der Reichs-
tagswahl erobert, Carl Schnitze mar der
e r st e sozialdemokratische Vertreter
Königsbergs. Nun konnte er wieder nach
Berlin kommen, er, der Ausgewiesene, kehrte
zurück, bekleidet mit der höchsten Ehre, die das
Volk zu verleihen hat.

Im Reichstage sprach er besonders gegen
die indirekten Steuern, jene schwere Belastung,
die dem arbeitenden Volke die Nahrung noch
vertheuert. Am 16. Januar 1891 betraute ihn
die sozialdemokratische Fraktion damit, den An-
trag zu begründen, den sie wegen Aufhebung
der Kornzölle und der anderen Zölle auf
Nahrungs- und Genußmittel sowie der in-
direkten Steuern gestellt hatte.

Die Agitation im Königsberger Kreise setzte
er nebenbei rastlos fort; als es 1893 zur Auf-
lösung des Reichstags und zur Neuwahl kam,
wurde Schultze nicht nur wiedergewählt,
sondern hatte auch, trotz des gewaltigen An-
sturms der Gegner, die 1890 erworbene Stimmen-
zahl in der Stadt Königsberg behauptet, im
Regierungsbezirk Königsberg aber war sie von
5062 auf 9128, also um 80 Prozent gestiegen.

Schon nach der Wahl machte sich sein Leiden
mehr wie früher bemerkbar; nicht nur die An-
strengungen der Agitation hatten es gesteigert,
sondern auch die Unsicherheit und Unruhe seiner
Existenz. Denn wegen seiner Gastwirthschaft
in Königsberg hatte er Aerger und Sorgen
ohne Unterlaß; dem Agitator Schultze konnte
man ja nicht beikommen, der Gastwirth
Schultze aber machte recht oft die Bekanntschaft
der Polizei- und Verwaltungsgerichte. Während
die Lokale der besitzenden Klasse, auch wenn
in ihnen gar manches Gebot der Sittlichkeit
übertreten wird, sich wenig belästigt fühlen,
hatte Schultze um 11 Uhr bereits Polizeistunde.
Und wenn es einmal vorkam, daß er auch nur

wenige Minuten später das Lokal schloß —
über ihn wachten die Augen des Gesetzes ganz
besonders streng —, flugs ward er notirt und
zu Geldstrafe verurtheilt. Berufung einzulegen
erwies sich bald als zwecklos, und eines Tages
bekam er die Mittheilung, daß ihm die Schank-
konzession überhaupt entzogen worden sei und
zwar „wegen Unterstützung der Völlerei". Die
Berufung, die Schultze einlegte, wurde ab-
gewiesen; erst die zweite Instanz, das Ober-
verwaltungsgericht in Berlin, hob das Urtheil
auf und erklärte, daß kein Anlaß vorliege an-
zunehmen, Schultze habe die Völlerei unter-
stützen wollen.

Diese Sorgen um die Existenz seiner Familie
(er hatte fünf Kinder) trugen nicht wenig dazu
bei, sein Leiden zu verschlimmern. Trotzdem
war er unablässig für die Partei thätig. Im
Reichstage ergriff er noch mehrmals zu längerer
Rede das Wort, so am 28. Februar 1894 bei
Berathung des Handelsvertrags mit Rußland,
wo er für Herabsetzung der Kornzölle eintrat,
am 15. Februar 1896 beim Militäretat, wo er
zur Sprache brachte, daß bei einem Klempner-
streik zu Königsberg die Kommandeure der dor-
tigen Pionierbataillone elf Soldaten beurlaubt
hatten, damit dieselben bei den Klenipnermeistern
an Stelle der Streikenden arbeiteten. Zum
letztenmal sprach er am 20. März 1896, um
den sozialdemokratischen Antrag um Aufhebung
der Salzsteuer zu begründen. Seine sachliche,
kenntnißreiche Begründung, die der Proletarier
zum Schutze seiner Mitproletarier vortrug,
fand selbst bei den Gegnern die Anerkennung,
daß sie berechtigt sei; aber angenommen wurde
der Antrag noch nicht einmal von den Frei-
sinnigen, die sonst immer für Aufhebung der
indirekten Stenern schwärmen.

Daß Schnitzes Wirken, die Massen für die
Sozialdemokratie zu gewinnen, nicht vergeblich
war, hatten die Wahlen in Königsberg be-
wiesen und werden es in Zukunft noch mehr
beweisen. Daß sein opferreiches, selbstloses
Auftreten den Dank der Parteigenossen er-
warb, das beweist die imposante Leichenfeier,
die ihm von der Berliner Arbeiterschaft be-
reitet wurde.

Schultze hatte im März den Wunsch ge-
äußert, bei seinen hochbetagten Eltern und
seinen Geschwistern in Berlin zu sein, um dann
von dort aus nach einer Heilanstalt für Lungen-
kranke gebracht zu werden. Der erste Theil des
Wunsches konnte erfüllt werden; das Letztere
auszuführen wurde unmöglich: am Donnerstag
den 1. April, Abends 11'/- Uhr, hatte unser
Freund ausgelitten.

Die Leichenfeier am darauffolgenden Sonn-
tage versammelte die klassenbewußten Arbeiterj
Berlins um seinen Sarg. In der Wohnung
seiner Eltern, auf der Schlesischen Straße, dem
Arbeiterviertel des vierten Berliner Reichstags-
wahlkreises, war er aufgebahrt; friedlich waren
seine Gesichtszüge, doch unverkennbar waren die
schwerenLeiden ihnen ausgeprägt. Unter Lorbeer-
gebüsch stand der Katafalk; ini Namen der sozial-
demokratischen Reichstagsfraktion widmete deren
Vorsitzender Paul Singer demDahingeschiedcnen
warme, herzliche Worte des Dankes für seinen
Opfermuth und seine Treue. Viele Fraktions-
kollegen und auch der Direktor des Reichstags-
bureaus, Geheimrath Knack, waren erschienen.
Etwas nach drei Uhr setzte sich der Leichenzug

in Bewegung, um fünf Uhr erreichte er sein
Ziel, nachdem er durch die Arbeiterquartiere
des vierten, fünften und sechsten Wahlkreises
gezogen war, wo dichtgedrängte Menschenmassen
theilnahmsvoll Spalier bildeten, lieber drei-
viertel Stunden lang war der Zug; voran
wurde ein mit Trauerflor verhülltes rothes
Banner getragen, dann folgten die Depu-
tationemder Vereine Berlins, sowie von Königs-
berg, Elbing, Tilsit, Danzig, darauf das Frauen-
komite von Berlin, alle mit prachtvollen Kränzen,
welche auf rothseideneu Schleifen einen letzten
Gruß dem dahingeschiedenen Genossen weihten.

Hinter dem Leichenwagen, dessen Sarg mit
einer aus schwarzem Flor gefertigten Bürger-
krone geschmückt war, schritt die sozialdemo-
kratische Rcichstagsfraktion, der ein mächtiger
Kranz, die Widmung der Fraktion, voran-
getragen wurde. Daran schlossen sich die Ver-
treter der Gewerkschaften Berlins mit Kränze»
und Palmen und an dreißigtausend Menschen
in geordnetem Zuge.

Kopfschüttelnd betrachteten Angehörige der
bürgerlichen Klasse den imposanten Zug; man
sah ihnen den Aerger an, daß rothe Banner,
rothe Schleifen und noch mehr als dies: das
Massenaufgebot der Berliner Arbeiterschaft sich
so ungestört durch die Straßen Berlins bewegen
konnten.

Am Friedrichshain vorbei, wo die Tapferen
vom 18. März 1848 ruhen, ging der Zug hin-
aus nach der Pappel-Allee, dem Friedhof der
Freireligiösen Gemeinde. Sein Kollege Vogt-
Herr, als Sprecher dieser Gemeinde, hielt die
Grabrede. Unter den Wipfeln eines soeben
sich neu begrünenden Baumes stand der Sarg,
umringt von den Deputationen und den An-
gehörigen Schnitzes. Draußen vor dem Fried-
hofsthore war eine zahllose Menschenmenge
angesammelt; anfänglich hörte man jenes
Summen und Brausen, wie es bei solch großen
Massen naturgemäß entstehen muß. Als aber
die Klänge des Grabliedes ertönten, wurde es
auch draußen still zu ernster Ruhe. Die gewal-
tigen Massen hatte» ihre Gedanken nach jenem
kleinen Raum aus dem Friedhofe gerichtet, wo
einer derer, die für sie gelebt und gelitten, zur
letzten Ruhe gebettet wurde.

In ergreifender Weise wies Vogtherr ans
die Verdienste des Verstorbenen hin, seinen
klaren, liebevollen Charakter, sein zielbewußtes,
selbstloses Streben.

Ob kalt, ob stumm, — uns lcbcn doch,

Die wir ins kalte Grab gesenkt, —

Und unser Herz, voll Trauer noch,

An ihre Treue liebend denkt, —

Und unserm Aug' ihr bleiches Bild
So ernst und milde noch erscheint,

Und unsere Seele, dankerfüllt, —

Sich ihnen immer neu vereint.

Diese Worte des Dichters Robert Prutz, an
die Vogtherr anknüpfte, werden sich bei Schultze
bewahrheiten. Als der Sarg in die Gruft ge-
senkt wurde, war es nicht nur vorübergehende
Rührung, welche die Umstehenden erfaßte, nein,
so wie Singer es in seinem Nachrufe ain Grabe
sagte, als er dort den Kranz der Fraktion
niederlegte: Der Partei ist unser Carl Schultze
nicht gestorben, sie wird sein Andenken stets
in Ehren halten und seinen Hinterbliebenen
durch treue Freundschaft ersetzen, was sie an
dem Guten und Braven verloren haben.

Verantwortlich für die Siedaktion Georg Baßler in Stuttgart. — Druck und Verlag von I. H. W. Dietz in Stuttgart.
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