Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 14.1897

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-5» Entrüstung ringsunr!

Entrüstung heißt )ur Stunde die Carole
Zn alten Lagern. Spare dir die Frage,

Wer wohl entrüstet sei, und frage lieber,

Wer nicht entrüstet ist. Wan schimpft und klagt
Zn jeder Tonart, und ein knotig-derbes,

Tin lapidares Wort ist schließlich Trumpf.

Der Lanörath seht den Rauern auseinander,

Daß die Regierung ihren Aothstmrö kennt
And ihnen helfen will, der Reichstag aber,

Der böse Reichstag, geht darauf nicht ein -
Rnd Alles grollt: Zerschmettern wir die Rotte!

Der Innungsmeister Wehlwurm macht den andern
Thrsamen Weistern klar, der Reichstag wolle
Nichts für das Handwerk thun - „vaterlanöslose
Gesellen" führen dort das große Wort,

And dieses Diktum spiht in seinem Grimme
Der Weister Rlechkopf auf „Gesindel!" )u.

Der Kaplan Ritru jammert seinen Schafen
Alltäglich vor, der deutsche Reichstag sei

Richt schwär? genug, noch lang nicht schwarz genug,
Am stch ein Lob der Kirche ?u verdienen,

And durch der Schäflein Reihen geht ein Schaudern
And eins von ihnen, das schon mehr ein Rock,
Tntrüstet stch und blökt sein: „Antichrist!"

Tin Häuptling unsrer Herrn Antisemiten
Trägt seinen Gläubigen beweglich vor,

Wahrheit und Ghrlichkeit sei rar geworden
Im deutschen Reichstag, werde immer rarer,

And deutlich sei ?u sehn, er habe stch
Wit Haut und Haar an Israel verkauft.

Das leuchtet selbstverständlich Jedem ein —
„Iudenschuhtruppe!" heult der gmye Troß.

Feldwebel Schnauchart liest aus einer Zeitung
Den sprachlos staunenden Rekruten vor,

Der schnöde Reichstag habe die Kaserne
— „Der Deibel soll die jan?e Rande holen!" —
Tür Rosemuckel grundlos abgelehnt,

And fügt mit einem grimmen Fluch hinzu:

„Del macht nifcht, Kinder - ste wird doch jebaut!"

Alte Sage.

Jung Siegfried, der Knabe von stolzer Festult.
King fröhlich einst pirschen im finsteren wuld.
Du gab es der Riesen und Drachen gar viel.
Die machten gefährlich solch waidmännisch Spiel.

Und wie er so wandert in Iugendlust,

Der eigenen Kraft sich noch nicht recht bewußt,
Da braust es und heult es wie tosendes Neer.
Lin mächtiger Drache schießt grimmig daher.

Hochauf sproßt ein Raum an der Kelsenwand,
Den faßt jung Siegfried mit kräftiger Hand
Und reißt aus dem 8ru»d ihn in seiner Roth,
vom feuerspeienden Drachen bedroht.

Und wie mit dem Stamm er so wuchtig schlägt.
Da hat das Ungethüm bald er erlegt.

Und so ward der muthige Knabe ein Held,
Den preiset mit Jauchzen die staunende Welt.

was Keiner gewagt in so schwerer Zeit,

Das that er; sein Volk war vom Drachen befreit;
So meldet die Sage gar einfach und schlicht.
Doch fehlt ihr der tiefere Sinn darob nicht.

Ruch heute, mein Volk, in der Roth der Zeit.
Siehst du dich von grimmigen Drachen bedräut.
Du siehst dich umhüllt von Feuer und Dampf
Und mußt schier ersticken im Daseinskampf.

Du bist nicht bewußt noch der eigenen Kraft.
Sonst hättest du längstens schon Luft dir geschafft;
Stark sind deine Lehnen und kräftig dein Nark.
Da fühlst du wie einstens jung Siegfried dich stark.

Doch bist du erst frei geworden im 8eist.
Lrfllllet sich, was dir die Sage verheißt.

Dann überwindest du endlich einmal
Den mächtigen Drachen, das Kapital.

Die Lex-Heinde.

Es war einmal in Berlin eine Frau Heinze,
von der man behauptete, sie sei dabei gewesen,
als ein Nachtivächter umgebracht wurde. Man
hat diese Frau damals eingesperrt; sie sitzt noch
heute im Zuchthaus und kann den Nachtwächtern
nichts zu Leide thnn.

Man sollte meinen, es würden nun alle
Nachtwächter ruhig schlafen — das ist aber nicht
der Fall, sondern es giebt Nachtwächter, die die
Frau Heinze noch immer verderbendrohend umher
rvandeln sehen und sich den Kopf zerbrechen, wie
man dieses böse Weib bannen könne.

Es sind die Nachtwächter der ultramontanen
Partei, diese berufenen Hüter der Tugend, Ord-
nung und Sitte, ivelche die öffentliche Moral
durch die längst vergessene Frau Heinze noch
immer bedroht sehen. In jedem Kunstivcrk der
Malerei oder Bildhauerei, welches die Fornicn
des menschlichen Körpers in klassischer Reinheit
wiedergiebt, entdeckt die Phantasie der schwarzen
Nachtwächter genieine Züge, welche sie an Frau
Heinze erinnern; wahrheitsgemäße Schilderungen
des menschlichen Lebens in der Literatur oder
Darstellung menschlicher Verirrungen und Leiden-
schaften auf der Bühne können die schwarzen
Nachtwächter nicht sehen, ohne in ihr Horn zu
stoßen und Hilfe und Rettung vor der Frau
Heinze herbei zu rufen.

Sie haben deshalb im Reichstage die lex
Heinze wieder eingebracht und hoffen, damit
Literatur, Kunst, Bühne und ähnliche Unsittlich-
keiten gründlich zu unterdrücken.

Mancher wird nun fragen: Was geht die
Schwarzen das Theater an, sie brauchen es nicht
zu besuchen; was kümmert sie Zola, sie brauchen
seine Werke ja nicht zu lesen; und wenn sie
an einem Bilde der Venus vorübergehen, dann
sollen sie sich Feigenblätter auf die Brillengläser
kleben, dann wird ihre Tugend keinen Schaden
leiden.

^Dagegen liegt ihnen eine große Gefahr viel
näher, sie dringt bis in ihr eigenes tugendsames
Haus, und das ist die Pfarrersköchin, also
eine alleinstehende Frauensperson, welche mit
einem unverheiratheten Manne gemeinsam haust,
unter einem Dache nnt ihm schläft! Das ist eine
höchst gefährliche Institution, welche ganz un-
bedingt unter die lex Heinze fallen muß.

Aber das Uebel liegt noch viel tiefer. Die
Ehelosigkeit des Klerus ist überhaupt zu be-
anstanden. Der Junggeselle, der keine Sorge
mit den Kindern und keinen Aerger mit den
Weibern hat, kommt leicht auf übermüthige und
frivole Gedanken, und dann kann cs ihm aller-
dings passircn, daß er auch in erhabenen Kunst-
werken Unzüchtigkeiten erblickt. Es ist daher die
Ehelosigkeit des Klerus zu verbieten und in einer
Ausführungsverordnung zu diesem Gesetz zu be-
stimmen, daß jedem Pfarrer neben der Gattin
eine hochgradig böse Schwiegermutter zugetheilt
werde. Dann werden die Herren andere Sorgen
haben, als sich über Theatervorstellungen oder
über Bilder in den Schaufenstern zu entrüsten.

Zur Arbeitrrfchuhgesohgebung.

Als Vorsitzender der Kommission für Arbeiter-
statistik ist der Unterstaatssekretär Fleck ernannt
worden. Das ist ein bedenkliches Omen dafür,
daß die Arbeiten dieser Komnnssion auch in Zu-
kunft nicht vom Fleck kommen werden.

Reichsboken-Glürk.

A. : Was soll das für einen Sinn haben,
daß man den Reichstagsabgcordnetcn, statt ihnen
Diäten zu bewilligen, lediglich mehr Frei-
gepäck auf der Eisenbahn zugestanden hat?

B. : Man will es ihnen ermöglichen, den zu
ihrer Ernährung nöthigen L>peck nebst
Kartoffeln aus der Heimath mit nach Berlin
zu bringen.

Durch unsere Expedition ist zu beziehen: Wuhlgrfrh für »nt Deuktchrn Neichstag nebst Nrglrmrnk zur Ausführung drs wahlgrfrhrs. Mit Anhang I Programm
der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Preis pro 100 Exemplare Mk. 2.—, pro 1000 Exemplare Mk. 15.—
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