Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 14.1897

Page: 2502
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was Kommen wird.

Moch ist eA nur ein Säuseln, das verstohlen,
Verschämt und schüchtern in dein LeitungStnald
Die Blätter kräuselt; als ein Steckenpferd,

Das wenig wunderliche Schwärmer reiten.
Erscheint das Spiel mit Ungeheuern Ziffern
And als ein iLraum der üppige Gedanke,

Der stahlgepanzerten Germania

Auch noch den Dreizack in die Hand zu drücken,

Lu rüsten sie zur Meerüeherrscherin.

Doch nur Geduld! Eh viele Monde noch
Ins Tand gegangen, wird es anders sein.

Dann zieht bedächtig sämmtliche Register
Der Niesenorgel eine starke Hand
And über unsre Häupter braust ein Sturm
Mit Donnerrollen und mit schrillem Vstifen,

Des Hohns, der Drohung und des Ingrimms voll.

Das sanfte Säuseln ist ein Vorspiel nur
Des langsam vorbereiteren Orkans,

Der niederweht, was nicht auf festen Füszen
Der Einsicht und der Aeberzeugung steht.

In jeder Eonart wird man euch beweisen,

Dasz Deutschlands Lukunft frevelnd ihr verspielt.
Wenn ihr ihm nicht die Salzfluth unterwerft.

Wenn neben Frankreichs und Britanniens Flagge
Ihr nicht die schwarzweiszrothe Flagge setzt.

And dasz ihr Lrämer seid mit engem Sinn,

Wenn eine Handball lumpiger Millionen
Euch schrecken kann, wenn Deutschland euch zu arm
An Gold und Menschen scheint für diesen Schritt.
Man wird zum Dummkopf einen Jeden stempeln.
Der nicht mit Hurrah! für die Flotte stimmt.

Dafern er nicht Verräther ist und Schuft
Im Dienst des Auslands, der Empfindung bar
Für Deutschlands Grosze, Herrlichkeit und Macht.

And der Philister, der im deutschen Baden
Gedeiht wie nirgendwo, wird schwankend werden.
Wird in sich gehn und wird das Widerstreben
Der Kühlen Einsicht selber überschreit,.

Wer sich auf ihn verläszt, der ist verlassen.

Du aber, braves, klares, vielbewährtes.

Standhaftes Volk der Arbeit, wirst den (Einig
Dicht blas durchschau'», du wirst ihn auch zerreiszen.
And diesen Sturm, wie alle früher« Stürme,
Glorreich bestehn. Du wirst den Dunst zerblasen
Der hohlen Mrasc und vor aller Welt
Den Flottentraum, den blendenden, enthüllen
In seiner Dichtigkeit — als ein Whantom!

Inhalt der Unterhaltungs-Beilage.

Welt-Vernunft. Gedicht. — Herrn v. Schnauzlebens Nein-
fall. Von Natas. — Kunst und Gunst. Gedicht. — Vision.
(Jllustrirt.) — Die Arbeiterbewegung in Italien.
Mit fünfzehn Porträts. — Briefkasten. — Neues vom Bücher-
markt. — Anzeigen.

Die liberale Erhebung.

Durch die liberalen Reihen
Blitzt ein hoher tzeldenmuth.

Kühnem Kreiheitskampfe weihen
Wollen Alle Gut und Blut.

Stolze Reden und Keberden —

Leis nur giebt's zu fragen viel:

„Wird es wirklich ernsthaft werden?

Ist etwa 8efahr im Spiel?"

Ja. der Junker dreistem Streben
Kilt's zu setzen einen Damm.

Wie ein einz'ger Mann erheben
Muß das Bürgerthum sich stramm.

Auf die Schanzen! Und die Kahne
Freien Bürgersinns entrollt!

„Wenn nur — bei solch' kühnem plane
Der Herr Landrath uns nicht grollt!"

„Männerstolz vor Königsthronen!"

Bürger, ehrt dies alte Wort.

Lagt die Wahrheit ohne Schonen.

Lagt sie frei an jedem Vrt.

Rur — ihr müßt im kühnsten Wagen
Immer fein bedachtsam sein.

Denn man sperrt in unsern Tagen
Leicht ja einen Redner ein.

Laßt das Bolksrecht nicht verkürzen.
Bleibet treu und bleibet fest.

Mögen auch Minister stürzen.

Gebt der Junker Macht den Rest.

Auf! Statt Phrasen nur zu drechseln.
Wechselt wieder Schuß auf Schuß!

vorher nur-die Hosen wechseln

Mancher tapfre Streiter muß. M. k.

Die Minderjährigen.

Endlich haben es die Staatsrctter entdeckt, daß
alles Nebel von den Minderjährigen herkommt.
Dieselben sollen aus dem preußischen Vereins-
leben hinausgewiesen werden, damit der preußische
Staat noch ferner bestehen könne und nicht als
hilfloses Opfer den Umsturzgelüsten der Minder-
jährigen anheim falle.

Das ist eine glorreiche Nettungsthat. aber sie
wirkt nicht gründlich genug, denn nicht blos im
Vercinsleben, sondern auch auf vielen anderen Ge-
bieten machen sich die Minderjährigen in unheim-
licher, gefahrdrohender Weise bemerkbar.

In erster Linie sind alle Schulen mit dem
Andrang von Minderjährigen geplagt. Dieselben
sollen lernen, daß am Anfang die Erde in sechs
Tagen geschaffen wurde, daß sich das Nasse von
dem Trockenen sonderte und daß zwei Lichter an
den Hinunel gesetzt wurden, von denen das größere
der preußische Fiskus und das kleinere die Geist-
lichkeit war, welche zur Erleuchtung nur mäßig
beitragen darf.

Die Minderjährigen begnügen sich aber mit
dieser Weisheit nicht, sondern lernen außerdem
lesen und schreiben und machen von diesen Fähig-
keiten alsbald einen höchst ziveckwidrigen Gebrauch,
indem sie aufklärende Bücher oder gar sozial-
demokratische Zeitungen lesen und alles Andere
eher schreiben, als Beichtzettel und Huldigungs-
adresscn an die hohe Obrigkeit.

Also hinaus aus den Schulen mit allen
Minderjährigen! Das Geld, welches der Staat
für ihren Unterricht ausgiebt, kann viel zweck-
mäßiger für neue Panzerkreuzer verwandt werden
und die Schulen kann man zu Kasernen um-
bauen.

Uebrigens treten auch in der Armee die
Minderjährigen so massenhaft auf, daß sie unter
Umständen eine Gefahr für den Staat bilden
können. Soll man den ganzen deutschen Armee-
verband für einen politischen Verein erklären, die
Minderjährigen davon ansschließen und dafür

den Landsturm zum Dienst einziehen? Der Kriegs-
minister möge diese Frage ernstlich erwägen und
dem nächsten Reichstage darüber Vorlage machen.

Schlimmer und gefährlicher aber als alle
anderen Minderjährigen sind die minderjährigen
Mädchen, namentlich wenn sie hübsch sind. Sie
lenken die Aufmerksamkeit der gesamniten jungen
und alten Männerwelt auf sich. Der Jurist
wird seinen Paragraphen, der Streber seinen
Vorgesetzten, der Agrarier seinen Ochsen untreu,
wenn jugendliche Weiblichkeit ihre Zauber wirken
läßt. Der geriebenste,Staatsanwalt läßt sich von
blauen Augen hypnotischen und der unnahbar
strenge Bureaukrat von blonden Locken umgarnen.

Aber nun wohin mit der Jugend, die weder
in Vereinen, noch in den Schulen, noch in der
Armee oder sonstwo im öffentlichen Leben ge-
duldet wird?

Da muß König Stumm Rath schaffen, und
als echter Ausbeuter weiß er Rath. Ueberall sind
ihm die Jungen ein Greuel, nur in der Fabrik
sind sie ihm recht. Man sperre also die ganze
jugendliche Welt in die Fabriken, dort wird selbst
Stumm sich mit den Minderjährigen befreunden.

Duseke: Unsere jeöhrten Minister wer'n jetzt
mit jreßter Wuptizität ohne Kindijung abje-
wimmelt, — wie jefällt Dir bet?

Puseke: Na, det se jehen missen, is janz
scheene, ick brauch' se schon lange nich mehr —
aber det immer wieder neie kommen, det
jefüllt mir nich.

Duseke: Nn, soll'n die untern Postbeamten
mit'n Säbel jeholfen wer'n. Verstehst Du det?

Puseke: Jewiß. Podbielski meent, det sie
sich damit leichter durchschlagen kennen.

Duseke: Wat woll'n de Zinftlcr eejentlich
mit de Zwangsinnung?

Puseke: De Zwangsinnung besteht darin,
de Kunden polizeilich den Jnnungsmeestern zu-
zuführ'n.

Durch unsere Expedition ist zu beziehen: Wahlgesetz für den Deutschen Arichstag nebst Vrglrmrutzur Ausführung des Wahlgesetzes. Mit Anhang: Programm
der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Preis pro 100 Exemplare Mk. 2.—, pro 1000 Exemplare Mk. 15.—
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